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Im deutschen Reich · 1915-08-01 · Heft 8-9 (August 1915) · p. 175

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 8-9 (August 1915)
Article
Toleranz
Date
1915-08-01
Page
175 (sequence 2)
Language
German
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XüTercmj. 175 dvn der Gleichwertigkeit aller Menschen femtt nur put Prinzip zur Regelung der Leberlsoerhätruisse: das Recht! Irr der jeiucn Ausführungen voraus geschickten Begrisssertläruug weist auch Wolff nachdrücklichst darauf yiu, daß Gleichberechtigung die höchste Stufe der Toleranz ^darstelle. Nur auf dieser Grundlage ist übrigens auch die wichtige Frage 11 ad) den Grenzen der Toleranz zu lösen, die der Verfasser leider nicht berührt hat. Muß man jede Anschauung dulden, hat alles Anspruch auf Toleranz? Hieße das nicht die These wieder aufleben lassen, daß alles, was ist, auch vernünftig sei? Wäre das nicht eine Rechtfertigung und Zulassung auch des Verbrechens? Nur wenn Toleranz in ihrer höchsten Auffassung zum Rechte wird, ist der Ausweg gegeben. Nicht zu dulden ist alles, was gegen das weltliche Recht der 'Staatsgemeinschast, gegen das göttliche der allgemeinreligiösen Ethik verstößt. Tolercknz in diesem Sinne ist natürlich so alt wie das Recht selber und wie seine Verbindlichkeit für alle Menschen. Auch Wolff weist darauf hin, daß im Altertum die jüdische Religion — trotz der Lehre von der Auserwähltheit Israels, trotz des Glaubens an einen eifervollen Gott — von Toleranz durchtränkt war. Man darf aber weiter gehen und sagen, daß sie, als sie den Begriff des gottesebenbildlichen Menschen aufstellte, auch den Toleranzgedanken überhaupt schuf. Die Liebe zum Fremdling, die von der Thora gepredigt wird, die prophetische Anschauung, daß alle Menschen einen Vater haben, ist auch im Altertum wie im Mittelalter nur beim Judentum zu finden. Das Griechentum hinderte an wahrer Duldsamkeit seine Lehre vom griechischen „Herrenmenschen", die' erst überwunden wurde, alses machtlos seinem Ende zuging, das Christentum aber sein Anspruch, die alleinseligmachende Religion zu sein, der zunächst nur zu sachlicher Intoleranz führte, aus dem aber mit Naturnotwendigkeit auch die persönliche mit allen ihren häßlichen Nebenerscheinungen sich entwickelte. So bedeutet die Geschichte des Toleranzgedankens weniger eine Darstellung seiner Entwicklung, als eine solche der ihm feindlichen Prinzipien und Mächte des Völkerlebens, die überwunden werden mußten. Und er ist keineswegs ein Kind der Neuzeit, denn neu ist nur, daß erst jetzt die Menschheit zur Anerkennung dieser altjüdischen Idee gelangt ist. Bis auf die Reaktion, die der Nationalismus Chamberlainscher Färbung erregt hat, ist die Toleranz in ihrem höchsten Sinne heute theoretisch zur Herrschaft gelangt. Von einem praktischen Wirken ist freilich noch wenig zu spüren, und auch das wäre einmal ein äußerst interessantes Thema für eine Preisarbeit, das Verhältnis von Theorie und Praxis auf diesem Gebiete zu untersuchen. Man denke beispielsweise an die Stellung, die das Christentum trotz des Satzes von der Feindesliebe im Mittelalter dem Judentum gegenüber einnahnst wohingegen der theoretisch so fanatisch intolerante Islam in Wahrheit für die Juden ein Hort der Freiheit, des Rechtes und der Liebe wurde. Eine der interessantesten, wenn nicht gar die interessanteste und wichtigste Periode aus diesem uralten Kampfe des Toleranzgedankens um seine Anerkennung behandelt die vorliegende Schrift. Nach der Begriffserklärung und einer kurzen Geschichte der Idee weist Wolff auf die Quellen der neu erwachenden Bewegung hin, die — wenigstens unmittelbar — vorzugsweise in der Philosophie und der aufklärerischen Literatur Frankreichs im achtzehnten Jahrhundert liegen. Es folgt eine schlichte, außerordentlich fesselnde Darstellung der engeren Aufgabe, die uns in ein Gebiet führt, das sonst nur dem gelehrten Literarhistoriker vor Augen kommt. Denn die Tendenz der meisten von Wolfs hercmgezogenen Werke und ihre gute Gesinnung überragen

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