Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 125 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316851-2316854-2349734--25456-2349853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Korrespondenzen. 125 und vollständiges Hinweisen auf alle Autoritäten abgesehen, die uns dazu bestimmt haben, dieses Thema jetzt zu erörtern. Nein, frei von allen religiösen und politischen Seiten- und Ausblicken wollen wir eine Bestätigung bieten für die Richtigkeit und Wahrheit der Behauptung: Wir Juden haben die deutsche Kultur des neunzehnten Jahrhunderts mit beeinflußt und mit gefördert. Wir standen seit Mendelssohn dieser Kultur besonders nahe, weil wir, als wir sie kennen lernten, d. h. die Sprache ihrer Denker und Dichter verstanden, sie wie etwas Kongeniales in uns verarbeiteten, wie etwas längst gefühltes nachempfunden. Und das ist leicht erklärlich! War doch Luther von unserer Bibel ausgegangen, als er dem deutschen Denkergeiste seine Schwingen verlieh. War es nicht der Mut unserer Propheten, der seinen Mut erweckte, der Geist unserer Psalmisten, der ihm die Schwungkraft lieh?! Wie schreibt er doch vom 118. Psalm, um nur dies eine zu erwähnen: „Es ist mein Psalm, den ich lieb habe. Wiewohl der ganze Psalter mir lieb ist, so bin ich doch sonderlich an diesen Psalm geraten, daß er muß mein heißen und sein, denn er sich auch redlich umb mich gar oft verdienet und mir aus manchen großen Nöten geholfen hat, da mir sonst weder Kayser, Könige, Weise, Kluge, Heilige hätten Helsen können." Und wie sagte seinerseits Rießer: „Es ist die Sprache Luthers und Ulrich Huttens, mit deren mächtigen Tönen .wir deutsche Herzen für unsere gute Sache zu gewinnen streben müssen!" Ja, es ist eine innere Seelengemeinschaft, die uns deutsche Juden an den heiligen Ernst, an den frommen Idealismus des Deutschtums bindet, wir haben es empfunden und empfinden es täglich, daß die Gedanken deutscher Dichter und deutscher Philosophen sich „umb uns gar oft redlich verdienet und uns aus man* chen großen Nöten geholfen" und darum hat Deutschlands Kultur auch stets „unser" geheißen und soll ihre Förderung, ihr Blühen auch ferner unser Streben und Bemühen, unseres Lebens Leben sein! * Korrespondenzen. — Rerchs§erichtsentscheiöun§. Vom Landgericht Gnesen war am 3. Dezember v. F. der Kupferschmiedemeister Karl Pohl wegen Beleidigung in zwei Fällen zu einer Geldstrafe von 900 Mark verurteilt worden. Lin jüdischer Rechtsanwalt, der als Einjährig-Freiwilliger gedient 'hatte und sich am 5. August stellen mußte, war schon bei der zweiten Hebung im Kasernenhofe zusammen gebrochLn, tat aber weiter Dienst und rückte sogar ins Feld. Als er jedoch auf dem Marsche wieder zusammertbrach, ergab die ärztliche Untersuchung bei ihm einen Herzfehler, worauf er endgültig entlassen am 28. August nach Guesen zurückkehrte. Dort traf ihn der 'Kupferschmiedemeister Karl Pohl, der mit xf>m auf gespanntem Fuße stand, auf der Straße und sagte bald darauf im