Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1915-05-01 · Heft 5-7 (Mai 1915) · p. 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
21 (1915)
Issue
Heft 5-7 (Mai 1915)
Article
Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert
Date
1915-05-01
Page
111 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316851-2316854-2349734--25442-2349839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Juden als Träger deutscher Kultur im 19. Jahrhundert. 111 der Philosoph." Er war nach! dem Urteile Lessings der beste deutsche Kritiker seiner Zeit, und es spricht Wohl nicht zu seinen Ungunsten als Aesthetiker, daß Schiller ihn als einen der Väter der Aesthetik pries und sich nachweislich bei seinen philosophisch-ästhetischen Betrachtungen seinen Anschauungen anschloß. Die Hauptbedeutung Mendelssohns als deutscher Schriftsteller aber beruht nicht auf den zahlreichen kleinen philosophischen Schriften, die er seit 1755 veröffentlichte, sondern auf zwei großen, durch edle Sprache und großen Gedankeninhalt hervorragenden Arbeiten: seinem „Phädon" und seinen „Morgenstunden". Man könnte den „Phädon" eine beitifdje £iat nennen. „Sokrates führte die Weltweisheit unter die Menschen, Moses ist der philosophische Schriftsteller unserer „Nation", der sie mit der Schönheit des Stils vermehrt," ruft der junge Herder aus. „Ihr Philosoph", schreibt Winkelmann aus .Rorn, „der „Phädon von Moses Mendelssohn" ist eins von den besten Büchern, welche ich gelesen habe, schade, daß es ein „Deutscher" ist, würde der Potsdamische Held sagen." Es war bekanntlich auch das erste philosophische Werk, welches Goethe in seiner Jugend studierte und mit dem platonischen zu vergleichen suchte. Wir wissen, daß Mendelssohns Beweise für das Fortleben der Seele vom philosophischen Standpunkte überholt sind, denn als er alt war, stand Kant auf der Höhe seines Schaffens — aber der ästhetisch literarische Wert der Mendelssohnschen Schriften blieb bis heute unvermindert. „Durchweg", schreibt Scherer in seiner Geschichte der deutschen Literatur, „bewährt er sich als einen klaren Stilisten." Jeder aber weiß, daß gerade der Stil zeigt, wie weit innerlich ein Mensch mit denr Geist der Sprache! verwachsen ist. Mendelssohn, eben der Judengasse entwachsen^ handhabte aber nicht nur die deutsche Sprache so meisterhaft, daß er befähigt war, ein Lehrer des deutschen Stils zu werden uitb eines der meist gelesenen Bücher zu schaffen — der Phädon erlebte beim Erscheinen in drei Zähren drei neue Auflagen, von 1814—1856 weitere sieben und wurde in fast alle europäischen Sprachen übersetzt —, sondern er hatte auch den Mut, im Zeitalter des „Potsdamischen Helden" öffentlich für die deutsche Wissenschaft einzutreten und die von jenem so sehr bevorzugte französische in einer so trefflichen Weise zu charakterisieren, daß wir es uns nicht versagen, seine Worte zu wiederholen. In seinen „Philosophischen Gesprächen" heißt es: „Nem> liebster Freund, nein, Sie haben leider eine Quelle übersehenaus der wir mehrere Uebel herleiten müssen. Ich meine, unsere sklavische Nachäffung eines Volkes, das uns. zu verführen gleichsam gemacht zu sein scheint. Dieses Volk, welches seit P. Malebranche keinen einzigen metaphysischen Kopf aufzuweisen hat, sah wohl, daß die Gründlichkeit sein Werk nicht sei; es machte daher die Artigkeit der Sitten zu seinem Augenmerke und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.