Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Lernt uns kennen und Ihr werdet uns achten!
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 110 (sequence 3)
- Language
- German
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110 Im deutschen Reich. Das deutsche Volk hat in diesem Kriege eine harte Lektion Mer den unverdienten Haß erhalten; es hat erfahren, wie wehe unverschuldete, grundlose Gehässigkeit tut. Seht, wir haben Jahrhunderte das gleiche Schicksal durchduldet; man hat uns unverschuldet beargwöhnt, unverdient beschuldigt; man glaubte nicht an Unser Menschentum, und wie Gezeichnete, wie Gebrandmarkte gingen wir über die Erde. - - Der Krieg ist wie ein Sturm über Deutschland gekommen. Er hat das Ankraut vieler Vorurteile fortgefegt. Wir hoffen, nein, wir sind sicher, daß er aus den Seelen tausender das Vorurteil gegen den Juden, den jüdischen Kameraden, den jüdischen Mitmenschen gerissen hat. Wir reichen Euch die Bruderhand. In einem gesitteten Volke muß doch endlich die Zeit kommen, da es zu den sozialen und ethischen Unmöglichkeiten gehört, daß einer dem andern sein innerstes Herzenseigentum, das Verhältnis zu Gott, bestreitet oder besudelt. Lernt uns kennen, und- Ihr werdet uns achten! Juden als Träger deutscher Kultur im neunzehnten Jahrhundert. Von vr. B. May, Frankfurt a. M. Es ist ein sehr weitläufiges und für den Juden als Juden sehr undankbares Thema, das wir hier erörtern möchten. Denn gar manche von den hier anzuführenden Persönlichkeiten haben dem Väterglauben nicht die Treue bewahrt, wir aber müssen sie in unserer Betrachtung als Glieder einer Gesamtheit würdigen, der man, oft aus unedlen Gründen, bis in unsere Zeit den Vorwurf machte, das deutsche Kulturleben nicht nur nicht gefördert, sondern gehemmt oder schlecht beeinflußt zu haben. Und doch diese gewaltige, wunderbare Erhebung eines großen, freien Volkes, trotz jener „allesbeherrschenden", schlechten Einflüsse! Nein, wir wollen auch hier nicht rechten. Die neue Zeit.wird auch für uns Juden hoffentlich eine andere und bessere fein. Nur die zum Verständnis des Werdenden notwendige historische Beleuchtung wollen wir schaffen, wollen an wenigen hervorragenden Persönlichkeiten erkennen, welchen Anteil die Deutschen, jüdischer Glaubensgemeinschaft entsprossen, an der deutschen Kulturarbeit des 19. Jahrhunderts tzenommen. Selbstverständlich, wenn wir von Juden des 19. Jahrhunderts sprechen, müssen wir unfern Ausgang nehmen von Mo/es Mendelssohn, der als bedeutendster Vertreter an der Wende des 19. Jahrhunderts steht. Nur von dem Einfluß, den er auf das Deutschtum als deutscher Schriftsteller gehabt hat, soll die Rede sein. „Als deutscher Schriftsteller", schreibt Ludwig Geiger^), „nimmt Mendelssohn eine hervorragende Stellung ein. Er ist keiner der führenden Genien der Menschheit, aber ein tüchtiger Kritiker, ein feiner Aesthetiker und ein selbständig denken« ■*) Ludwig Geiger „Die deutsche Literatur und die Juden".