Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 21 (1915)
- Issue
- Heft 5-7 (Mai 1915)
- Article
- Lernt uns kennen und Ihr werdet uns achten!
- Date
- 1915-05-01
- Page
- 109 (sequence 2)
- Language
- German
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Lernt uns kennen, ünd Ihr werdet uns achten! 1-09 daß einer den andern nicht gerade so haben wolle, wie er -selber lst, sondern daß er freudig sich des unmetz-baren Reichtums und der ungeahnten Entfaltungsmöglichkeiten bewußt ist, die in der Unterschiedlichkeit unserer Stämme liegen... Ich füge hier ein, daß überhaupt die Völker einander näher stehen, als sie wissen und glauben." Roseggers warmherzige Worte .gelten aber nicht nur für das Verhältnis zwischen Deutschland und Oesterreich, sie sind vrelmehr geradezu ein Weckruf zur Eintracht und eine ernste Warnung vor den in Deutschland leider nur zu tief wurzelnden Scheidungen nach Rang, Reichtum und Religion. Der Krieg, der große Entzweier, ist für große Teile unseres Volkes der gewaltige Versöhner geworden. Er hat künstliche Mauern niedergelegt und ausgeklügelte Gegensätze ausgeglichen, die das deutsche Volkstum in eine Anzahl kleiner und kleinster Parteiklüngel schieden. Deutschland hat sich nach langen Irrungen und Wirrungen in der Liebe und Sorge für das. Vaterland zu einer heiligen Einheit zusammengefunden. Diese neue Eintracht war unser erster Sieg im großen Weltkrieg, der Sieg über den am Lebensmark des deutschen Volkes zehrenden Drachen der Parteizersplitterung. Es ist nur natürlich, wenn, wir Juden mit hochklopfenden. Herzen jetzt die Beseitigung der mit so häßlichem Eifer geschaffenen Scheidemau^rn von unseren christlichen Mitmenschen sehnsüchtig erhoffen. Seit mehr als eintausendfünfhundert Jahren wohnen und wurzeln wir in deutschen Landen; seit über einhundert Jahren sind wir bürgerlich gleichgestellt. Aber noch immer blickt, man mit schelen Augen auf den deutschen Juden wie auf einen Eindringling; noch immer beargwöhnt man sein Tun und sein Lassen. Klingt es da nicht wie eine Predigt der Versöhnung, wenn Rosegger sagt: „In einem gesitteten Volke muß doch endlich die Zeit kommen, da es zu den sozialen und ethischen Anmöglichkeiten gehört, daß einer dem andern sein innerstes Herzenseigentum, das Verhältnis zu Gott, bestreitet oder besudelt." Wir wollen ja kein Vorrecht, aber auch kein Anrecht, sondern nur Recht, die uneingeschränkte Anerkennung unseres Anrechtes am deutschen Vaterlande. Die Kinder sehnen sich nach' einem Plätzchen am Herzen der Mutter, der Heimaterde. Wir rühmen uns nicht^unserer Opfer in diesem Kriege, unserer Toten, unserer Tapferen. Sie haben ihre Pflicht getan, ihre selbstverständliche Pflicht, und dieses Bewußtsein ist unser Lohn und unsere Ehre. Wir glauben wahrlich nicht, besser als unsere nichtjüdischen Volksgenossen zu sein, denn keiner ist tiefer von der. Wahrheit des Bibelwortes durchdrungen: „Kein Mensch auf Erden ist so gerecht, daß er nur Gutes täte und nicht auch sündigte." Aber sicher sind wir auch nicht schlechter, oder mühen uns doch, nicht schlechter als unsere christlichen Mitmenschen zu sein. Ihr habt uns draußen kennen gelernt, wie wir sind, nicht wi^ der Haß. uns Euch bisher geschildert hat. Ihr hattet draußen vielfache Gelegenheit, unserer Jugend näherzutreten als hier Am Lande in den Tagen des Friedens. Ihr habt monatelang neben unseren Männern im Schützengraben gelegen, seid monatelang mit ihnen in gleichem Schritt und Tritt wie gute Kamerade^. gegen den gleichen Feind marschiert. Ihr habt sie fechten und falten Iehen; unser Herzblut hat sich mit dem eurigen gemischt; Ihr habt draußen 'unsere -Schwestern, unsere Aerzte, unsere Geistlichen, bei ihrem stillen, heiligen Werke kennen gelernt. Richt .wahr, Ihr selbst habt schon manchmal bei euch gedacht: Wir haben die Juden nicht gekannt?