Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 9 (September 1914)
- Article
- Der allgemeine Bettag
- Date
- 1914-09-01
- Page
- 344 (sequence 1)
- Language
- German
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344 Iw deutschen Reich. Der allgemeine Bettag. Not lehrt beten! Wenn in der Zeiten Drang Millionen Herzen durch unübersehbare Gefahren aufs tiefste erschüttert sind, suchen die Menschen dort Trost und Zuversicht, wo sie dem sich näher fühlen, der allezeit dem Recht und der Gerechtigkeit zum Siege verhilft. Dieses Gottvertrauen hat an dem allgemeinen Bettage die Andächtigen aller Bekenntnisse erfüllt. Wer mit Tränen das Gotteshaus betreten hatte, konnte es mit Gefühlen froher Zuversicht verlassen. Die Gewißheit, daß Gott die Seinen nicht verläßt, hat Israel immer über die schwersten Zeiten hinweggeholfen. In uns wurzelt ein solches Vertrauen um so fester, als durch das gesamte deutsche Volk ein tief religiöser Zug geht. Mit dem festen Willen, für unfern Kaiser, den wahre Gottesfurcht über konfessionelle und politische Parteiungen erhebt, und für unser Vaterland zu leben und zu sterben, sind die deutschen Juden erfüllt. Mit ihren christlichen Mitbürgern werden sie sich als echte Deutsche erweisen. Don diesem echt vaterländischen Geist waren die Worte unserer deutschen Rabbiner am 5. August durchweht. In der Alten Synagoge in der Heidereutergasse sprach nach dem Gesang aus den Psalmen 144, 1—8, und 118, 5—16, Rabbiner Dr. Eschelbacher, anknüpfend an die Worte des Propheten: „Einer helfe dem andern, und zu seinem Bruder spreche er: „Sei mutig und stark." Das darauffolgende Gebet erbat Gottes Schutz für den Kaiser, für das Heer und für das bedrängte Deutsche Reich. Das mit den Worten „Der Herr ist mit mir, ich. fürchte nichts!" schließende Gebet beendete die häufig von Ausbrüchen tiefer Rührung unterbrochene Feier. Die Feier in der Reuen Synagoge wurde durch den Psalm 130 eingeleitet, der abwechselnd durch Kantor und Chor in der Kol-Ridre-Melodie zum Vortrag gelangte. Herr Rabbiner Dr. B lum enth al legte seiner Predigt das Schriftwort zugrunde: „Herr, wie sind meiner Dränger so viel, wie viele stehen gegen mich aus. Du aber, Herr, bist mein Schild und meine Ehre und richtest mein, Haupt empor." Der Prediger wies auf die einmütige Begeisterung hin, mit der das deutsche Volk sich im Bewußtsein seiner gerechten Sache und im Vertrauen auf den Beistand Gottes zur Verteidigung seiner heiligsten Güter erhoben, und sprach die Aeberzeugung aus, daß unsere nur durch Neid und Haß verbündeten Feinde unter