Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1914)
- Article
- Rückblicke
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 295 (sequence 7)
- Language
- German
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Rückblicke, 295 Von einem Bekenntnis znm Judenhaß auf Grund der Erklärung nicht reden. Man darf den Begriff der tiefen Verbeugung vor dem Antisemitismus nicht mit dem ausdrücklichen Einverständnis gleichsetzen. Denn die Verbeugung ist veranlaßt aus Furcht vor den Judenfeinden, denen man, wie aus der Geschichte der Frankfurter Resolution deutlich hervorgeht, Konzessionen machen Wollte. Das Einverständnis mit dem Antisemitismus würde eine Gesinnung voraussetzen, die bei der Mehrzahl der in Frankfurt a. O. Anwesenden wahrscheinlich nicht vorhanden gewesen, zum mindesten aber nicht beweisbar geworden ist. Man wollte nur seinen Frieden haben. Infolgedessen mußten die Versuche, den gesamten Wandervogel E. V. für den Judenhaß zu reklamieren, scheitern. Wir geben uns gar keiner Täuschung hin, daß die judenfeindliche Bewegung gerade und sicherlich auch unter der liebenswürdigen Unterstützung des Herrn Neuendorff in einer großen Reihe von Wanderbünden weiter Platz gegriffen hat. Es sind aber auch erfreuliche Zeichen dafür vorhanden, daß in den Vereinigungen selbst eine energische Gegenwehr gegen die letzten Sätze der Resolution entstanden ist. Preßnotizen über Einzelvorkommnisse sind vielfach unrichtig; so ist es unwahr, wenn geschrieben worden ist, der Wandervogel Halberstadt habe erklärt, die schon aufgenommenen Juden könnten dort verbleiben, neue würden aber nicht mehr ausgenommen werden. Eines solch,en, geradezu als hinterlistig zu bezeichnenden Vorgehens hat sich der Wandervogel in.Halberstadt nicht schuldig gemacht*). Eine Reihe -solcher Notizen liegen vor. Ihre Verbreiter sind offenbar die Angehörigen des „Hamtnerbundes". Es ist interessant, zu beobachten, wie die Hammerleute nicht nur den vorhandenen Judenhaß registrieren, sondern auch solchen da festzustellen suchen, wo man ihn weit von sich weift, um eine allgemeine Einwirkung in ihrem Sinne zu erzielen. Will man Realpolitik treiben, so darf man gerade diesen Gesichtspunkt in seiner ungeheuren Wichtigkeit nicht übersehen. Vielfach gehen auch die Nationaljuden denselben Weg. Sie malen möglichst schwarz, um geflissentlich die Juden überall zum Austritt zu drängen. Zu unserer Genugtuung können wir feststellen, daß der vom Central-Äerein betonte Standpunkt, die Juden sollten in denjenigen Wandervogel-Bereinigungen verbleiben, in denen sie gern und mit Freuden gesehen würden, und sollten sich da, wo eine unbedingte Garantie nach dieser Richtung nicht gegeben ist, den Wanderriegen der jüdischen Jugendvereine anschließen und sich vor der Agitation des *) Im Gegenteil: mit größter Energie und Deutlichkeit verwahrt sich der Vorsitzende des Eltern- und Freundesverein der Ortsgruppe Halberstadt, Herr Oberlehrer Sueß, gegen jede solche Unterstellung in einem Briefe, worin er nachdrücklich versichert, antisemitische Bestrebungen in der bisher Christen und Juden harmonisch umschließenden Ortsgruppe nicht dulden zu wollen. Nie sei in der Führerschaft die Frage aufgetaucht, wie der Wandervogel sich jüdischen Bewerbern gegenüber zu verhalten habe, geschweige denn, daß sie erörtert worden sei.