Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Aus den Parlamenten
- Date
- 1914-06-01
- Page
- 256 (sequence 6)
- Language
- German
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256 Iw betttfcgeTt Reich. Zur Sprache gebrachte Tatfach>e, daß seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre kaum mehr ein israelitischer Einjähriger zum Reserveoffizier ernannt worden ist, läßt sich nicht wegdisputieren, und wenn bei der Erörterung einzelner Fälle uns mit mehr oder weniger Unangenehmen Dingen vom Vundesratstisch aufgewartet wird, weshalb nun der betreffende jüdische Einjährige trotz seiner im übrigen guten Zeugnisse nicht avanciert sei, so waren wir ja immer in der unangenehmen Lage, den Einzelheiten einer solchen Behauptung nicht widersprechen zu können. Es kommt aber auch schließlich gar nicht auf solche einzelne Fälle an. Die Tatsache allein, daß seit den achtziger Jahren kaum mehr ein israelitischer Einjähriger Offizier geworden ist, beweist besser als alle einzelnen Fälle, daß auf diesem Gebiet nicht alles in Ordnung ist. Denn es mag an den hier zur Sprache gebrachten Fällen alles noch so sehr vielleicht an Bedenken voll gewesen sein — die Behauptung, daß in allen diesen Fahren gar kein Israelit imstande war, die Funktion eines Reserveoffiziers zu versehen, wird man im Ernst nicht aufstellen wollen. Würde solches behauptet, so würden wir die Diskussion ablehnen. Wenn ferner der Herr Kriegsminister angedeutet hat, daß der auch ihm unerwünscht scheinende Zustand ohne eine verfassungswidrige Handlung — so glaube ich verstanden zu haben — eingetreten sei unb beibehalten werde, so mag er ja vielleicht damit auf die bekannten Wahlen der Offizierkorps angespielt haben, urrd so habe ich darauf zu sagen: mau bringt doch auch andere Kandidaten, gegen welche Bedenken vorliegen, bei diesen Wahlen durch, und man weiß durch Vorstellungen doch so weit einzuwirken, daß manchmal auch Kandidaten, die bei einer ersten Wahl nicht durchgingen, bei einer späteren Wahl dann doch das ersehnte Ziel erreichen können. Ans sind Fälle dieser Art auch schon bekannt -geworden, Fälle, bei denen es sich zwar nicht um jüdische Einjährige, aber um solche gehandelt hat, beidenen man zweifelhaft war, ob sie sich dem Dnellzwang unterwerfen würden. And so gut man bei diesen letzteren Einjährigen Wege gefunden hat, um die Gefahren der Offizierswahl zu umschiffen, so wird man auch hier einen Weg finden. Es liegt also, glaube ich, kein Grund vor zu. sagen, man könne nicht einen israelitisHew Einjährigen, gegen den im übrigen sachliche Bedenken nicht vorliegen, zum Offizier avancieren lassen. Es sind auch keinesfalls alle Offizierkorps, die über eine solche Wahl zu entscheiden haben, so antisemitisch gesinnt, daß sie unter keinen Amständen einen jüdischen Einjährigen in der Wahl passieren ließen. Das mag bei einzelnen Ofsizierkorps zutreffen, im ganzen trifft es entschieden nicht zn, und wenn es die Offiziere vollends wissen, daß die Ausschließung israelitischer Kandidaten von oben herab nicht gewünscht wird, daß im Gegenteil eine wahrhaft freie, nur aus sachliche Gründe gestützte Wahl verlangt wird, dann wird es auch Nicht an Wahlen von israelitischen Offizierskändidaten fehlen." & Umschau. Es gibt keine widerspruchsvollere Erscheinung im politischen Leben als die, daß die rückschrittlichen Parteien durchs ihre Wanderredner beständig zum Zweck der Aufreizung das Thema „Der Triumph der Iudenheit" behandeln lassen, während sie selbst durch rücksichtslose Benutzung der antisemitischen Instinkte