Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1914)
- Article
- Aus den Parlamenten
- Date
- 1914-06-01
- Page
- 252 (sequence 2)
- Language
- German
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252 Fm deutschen Reich, Minister in Preußen sei, der Verfassung zu ihrem Rechte zu verhelfen. Da seit 1883 nicht nur bei der Beförderung zu Reserveoffizieren, sondern auch bei der in Stellen der allgemeinen Verwaltung nur getaufte Juden zu finden sind, erhob der Redner die Anklage, daß die Herren, die dabei ihre Pflicht nicht tundie Verfassung ständig verletzen. Der Abg. Gothein führte dies unter Hinweis auf die Zeit der Befreiungskriege, aufAeußerungeu im Vereinigten Preußischen Landtag und eine solche des freikonservativen Freiherrn v. Zedlitz-Reukirch im preußischen Abgeordnetenhause u. a. m. weiter aus und schloß mit der Erklärung: „Wir müssen immer wieder dafür eiutreten, daß Recht und Gerechtigkeit im deutschen Volk eine Stätte finden, daß die Verfassung nicht ein beschriebenes Blatt Papier, sondern eine volle Wahrheit ist." Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen äußerte sich der Abg. R u pp - Marburg (v. d. Wirtschaftlichen Vereinigung): „Herr Kollege Gothein hat es, wie das in jedem Fahre geschieht!, als tief bedauerlich hingestellt, daß wir im deutschen Heere nicht die genügende Zahl jüdischer Offiziere besäßen, und hat daran erinnert, daß die Antwort des Bundesrats auf die mit überwältigender Mehrheit angenommene Forderung des Reichstags gelautet habe, daß die Anstellung nur nach persönlichen Fähigkeiten und persönlicher Tüchtigkeit erfolge. Herr Kollege Gothein hat geglaubt, anführen zu sollen, daß die Anschauungen der Vorgänger des Herrn Kriegsministers .in dieser Beziehung anders gewesen wären. Er hat dem Herrn Kriegsminister dann zugerufen: Hgrw Kriegsminister, nennen Sie mir die jüdischen Reserveoffiziere, die in der deutschen Armee vorhanden sind! Wenn ich boshaft sein wollte, könnte ich dem Herrn Abgeordneten Gothein gegenüber sagen: Herr Kollege Gothein, nennen Sie mir um Himmelswillen die Äamen der jüdischen aktiven Unteroffiziere, die im deutschen Heer vorhanden sind!P Jüdische Reserveunteroffiziere haben wir, das gestehe ich ohne weiteres zu; aber ich sollte meinen: doch, nicht der Amstand allein, daß unsere Unteroffiziere nach 12 bis 13 jähriger Dienstzeit eine halbwegs gesicherte Lebensstellung erhalten, bewegt sie, in die Armee einzutreten; sondern es ist meiner Auffassung nach — und ich glaube, mich da Mit dem größten Prozentsatz der Herren Kollegen in diesem hohen Hause im Einvernehmen zu wissen — der Am st and, daß sie den militärischen Geist Hochhalten, daß sie, obgleich sie in untergeordneten Stellen sind, Liebe zu unserem deutschen Heer hegen, und diese Liebe ist es, die sie in unser deutsches Heer hineingebracht hat. Das ist meine Aeberzeugung. Wenn nun auf jüdischer Seite die nötigen Fähigkeiten zum Militärdienst vorhanden sind — und ich gestehe Ihnen ohne weiteres zu, Herr Kollege Gothein, daß ein kleiner Prozentsatz dieser Leute die nötigen Fähigkeiten haben kann —, dann muß doch mindestens die Frage aufgeworfen werden: wie kommt es, daß nicht genau so, wie der Wunsch immer erschallt, jüdische Reserveoffiziere zu haben, daß die Leute ihren militärischen Geist nicht dadurch beweisen, daß sie so zahlreich wie möglich auch als aktive Anteroffiziere in die deutsche Armee eiutreten oder eiutreten *) Es gab deren sehr tüchtige, darunter einen Kompagnie-Feldwebel vom Grenadier-Regiment 110 (Mannheim), dem die Offiziere großes Lob erteilten, einen Anteroffizier im Regiment 118 (Worms) u. a. m. Es gibt auch jetzt noch jüdische Anteroffiziere, freilich nur wenige, weil fast kein Jude es mehr wagt, zu kapitulieren und dabei zu riskieren,' den mühsam erworbenen Zivilversorgungsschein zu verlieren.