Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1914)
- Article
- Die Juden im Wandervogel
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Fm deutschen Reich. die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Rasseneigentümlichkeiten ihr mit der Art des „Wandervogels", die aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangen ist und in deutscher Vergangenheit wurzelt, unverträglich erscheint." Ohne jede Debatte stimmten die anwesenden Gausührer dieser Erklärung zu. Herr Dr. Neuendorff hatte vor einigen Monaten den Vorsitzenden unserer Ortsgruppe Mülheim-Ruhr zu der Erklärung ermächtigt, daß er die Versuche der Antisemiten, in den Wandervogel jugendfeindliche Tendenzen hineinzutragen, au? das schärfste mißbillige, und als Bundesleiter des Wandervogels diese Versuche durchaus bedauere*). Dieser Standpunkt scheint ihn mit der Zeit gereut zu haben; denn es ist bekannt geworden, daß er in den letzten Monaten in vertraulichen Mitteilungen an die Gauleiter die Ausschreitungen des Antisemitismus in. der Wandervogelführerzeitung zwar lebhaft bedauerte, aber doch vor dem sogenannten Rassenantisemitismus eine Liese Verbeugung machte und die Annahme eines rasseuantisemitischen Standpunktes empfahl. Trotzdem soll man in Frankfurt zuerst beabsichtigt haben, die Erklärung nur bis zu zu dem Worte „einzuschränken" zur Annahme vorzulegen. Aber die Antisemiten drängten. Herr Theodor Fritsch in Leipzig hatte sich schon vorher der Bearbeitung der einzelnen Gauleiter in liebenswürdigster Weise angenommen, und so wurde unter Billigung des Herrn Oberrealschuldirektors die wiedergegebene Erklärung zum Beschlüsse erhoben. Man möchte einmal fragen, welches Zeugnis Herr Direktor Dr. Neuendorff einem Abiturienten seiner Schule geben würde, der seinen Abiturienten-Aussatz nach Stil und Methode der Erklärung verfaßt hätte. — „In seinem Aufbau unklar, in der Gedankenführung widerspruchsvoll", würde wohl noch die beste Kritik sein, die der Arbeit zuerkannt werden würde. Herr Dr. Neuendorff wird aber auch in seiner Schule darauf halten, daß der alte Spruch mit den schönen Anfangsworten: „Vor allem eins, mein Kind, sei treu und wahr", von den Lehrern in die Kinderseele eingepflanzt und von den Schülern befolgt wird. So will er es in Mülheim. In Frankfurt a. O. kann er trotz innerlichen Wollens den Grundsatz nicht durchsetzen. Denn dort verkündet er Sätze, die geradezu von innerer Unwahrheit strotzen. Offiziell ist altes in Ordnung. Jetzt darf kein Beschluß mehr gefaßt werden: Juden werden nicht ausgenommen. Paßt einem Gau ein Jude nicht, io kann *) Vgl. Zeitschrift „Im deutschen Reich", Dezember 1913, 555.