Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 4 (April 1914)
- Article
- Das Judentum in Kunst und Anschauung der Völker
- Date
- 1914-04-01
- Page
- 177 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316841-2316845-2348386--24484-2348490- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das gitbentum in Kunst und Anschauung der Völker. 177 Das Judentum in Kunst und Anschauung der Völker. Vortrag, gehalten von Herrn Dr. Lohn-Wiener in der allgemeinen Centralvereins-Versammlung am 3. März. 1914 in Berlin. In diesem durch Lichtbilder veranschaulichten Vortrag, der eine zahlreiche Zuhörerschaft ungewöhnlich fesselte, führte der Redner folgendes aus: Da Kunst Ausdruck von Empfindungen ist, lehrt ihre Geschichte, im Gegensatz zur Tatsachen-«Historie, die innersten Empfindungen der Völker kennen. Daher läßt sich die Geschichte der Juden unter den Nationen, ihrer Freundschaft oder ihres Hasses an den Werken der bildenden Kunst besonders klar ablesen. Das Altertum hat, entsprechend der politischen Rolle Israels, den Israeliten als einen politisch gleichberechtigten Feind betrachtet. So erscheint er auf den Siegesdenkmalen Schischaks von Aegypten, Salmanassars und an den Reliefs des Titusbogens in Rom nur als der besiegte Gegner. Auch die ersten Jahrhunderte des Christentums waren eng mit dem Judentum verknüpft gewesen; beide benutzten Katakomben, Goldgläser, verwandte Sarkophagtypen. Roch in der Zeit Karls des Großen unterscheidet man bei der Darstellung einer Iudentaufe den Juden im Typus nicht von den Klerikern, die ihn taufen. Seit der Wende des ersten Jahrtausends dagegen stellt sich der Judenhaß in den deutschen Kunstwerken als Moralphänomen ein. Entsprechend der christlich - theologischen Anschauung, daß. durch das Blut, das Christus am Kreuz vergoß die Welt entsündigt würde, findet sich schon sehr früh auf Darstellungen der Kreuzigung eine Gestalt, die Kirche, die dieses Blut in einem Kelch ausfangt, während eine Frauengestalt, die Allegorie der Synagoge, von einem Engel zurückgewiesen wird. Später fällt selbst die Motivierung durch das Blut Jesu fort, und man stellt einfach die siegreiche Kirche der besiegten Synagoge gegenüber. Beide Darstellungsarten finden sich tausendfach. Am berühmtesten sind die Skulpturen des Straßburger Münsters; allein sie haben sogar in den geistlichen Schauspielen eine Rolle gespielt. Aehnlich ist die religiöse Ansicht, die man vom Wert des Alten Testaments hat. Schon die frühchristliche Kunst entwickelt den Gedanken, daß einzelne seiner Gestalten, etwa Jonas oder Daniel, die Erscheinung Jesu gewissermaßen vorweggenommen hatten. Jetzt sieht man den einzigen Wert des Alten Testaments darin, das neue vorher verkündet zu haben. So werden die Apostel häufig auf den Schultern der Propheten des Alten Testaments stehend dargestellt, so gilt die Aufrichtung der ehernen Schlange als Voraussage des Kreuzestodes Christi, der Durchzug durchs Rote Meer als Andeutung der Taufe Jesu. Ganz allgemein äußert sich die Stellung zum Juden in dem gehässigen Kostüm, vor allem dem trichterförmigen 'Hut, mit dem man ryn selbst beim Kreuzestode Christi bekleidet. All diese Kunstwerke mußten ständig den Haß noch vergrößern, dem Juden ein Kainszeichen auf die Stirn drücken, das ihn unstet und flüchtig unter dem Volke machte, unter dem er wohnte. Diese Gesinnung dauert noch bis ins Zeitalter der Renaissance fort. Roch Schongauer und Dürer zeichnen Christus und seine Jünger mit dem germanischen Idealtypus, die Henker und Judas als Iudenkarikaturen. Dagegen ist die holländische Kunst von freundlicherer Gesinnung gegen die Israeliten, denen ihr Land Gastfreundschaft gewährt hatte. Dierick Bouts hat in seinem Altar von 1466 die Partiarchenszenen mit großer Liebe und Innigkeit dargestellt, und Rembrandts große Kunst holt aus ihnen den stärksten Gefühlsinhalt heraus. Von