Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Landesverband für die Provinz Hessen-Nassau und das Großherzogtum Hessen
- Date
- 1914-03-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
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124 Im deutschen Reich. ZU den bereits vorhandenen sind im Berichtsjahre die definitiv konstituierte Ortsgruppe Gießen, sowie die Ortsgruppen Limburg, Fulda und Hersfeld neu hinzugetreten. Line große, für die Gründurrg einer Ortsgruppe mehr als hinreichende Zahl neuer Mitglieder wurde auch in Worms durch eine Versammlung gewonnen, jedoch mußte mit Rücksicht auf die eigentümlichen lokalen Verhältnisse zunächst von der Konstituierung einer Ortsgruppe abgesehen werden. Weitere Ortsgruppen sollten in den der Landesverbandsversammlung folgenden Wochen gegründet werden und sind inzwischen auch in der Tat gegründet worden. Die Versammlungstätigkeit, die zur Erzielung dieser Erfolge nötig war, war recht umfassend. Aus dem Bericht des Vorsitzenden über die einzelnen Arbeitsgebiete möge hier nur erwähnt werden: die erfolgreiche Tätigkeit des Landesverbandes und einzelner Ortsgruppen bei den preußischen Landtagswahlen, die Zurückweisung antisemitischer Aebergriffe seitens vereinzelter Lehrer, speziell in Kurhessen, und die Aufklärungsarbeit gegenüber der vergiftenden Wirkung der Hammerflugblätter, die meist von anonymer Seite an Lehrer, Oberlehrer, Aerzte, Anwälte, Richter, wie überhaupt an bestimmte Kreise der Bevölkerung, versandt wurden und die Verbreitung unseres Gegenflugblattes erforderlich machten. In ähnlicher Weise wurde der massenhaften Verbreitung des bekannten Stillerschen Machwerks entgegengearbeitet. Hinsichtlich der Tätigkeit der Ortsgruppen mahnte der Vorsitzende zu eifrigerer Teilnahme an den Kaufmannsgerichtswahlen, die von einzelnen Ortsgruppen nur ganz ungenügend beachtet worden seien. Rach dem Bericht des Vorsitzenden folgte ein Referat des Herrn Blumenthal, Cassel, über „Die Lage der Juden in Kurhessen". Der Referent wandte sich zunächst gegen die Annahme, daß die antisemitische Bewegung zuerst in Kurhessen eingesetzt habe, weil die Juden in Kurhessen mehr Anlaß zu Angriffen böten als anderswo. Er betonte, daß eine gewisse Vernachlässigung des Aeußeren, die man vor Jahrzehnten auf dem Land habe beobachten können, vollkommen verschwunden sei, nicht zuletzt dank dem ausgezeichneten Einflüsse der jüdischen Lehrer. Bei Schilderung der Lage der Viehhändler hob er hervor, daß die jüdischen kurhessischen Viehhändler durchweg ehrliche und anständige Leute seien, daß sie aber unter der Konkurrenz der Genossenschaften, insbesondere der Raiffeisen-Vereine, schwer litten. In Geldangelegenheiten sei auch heute trotz antisemitischer Hetze der Jude in Stadt und Land der Vertrauensmann der Bevölkerung, die dabei gut fahre. Wucherische Geschäfte, wie sie früher vereinzelt bei Juden auf dem Lande zu beobachten gewesen seien, kämen bei ihnen längst nicht mehr vor. Trotz der ungünstigen wirtschaftlichen Konjunktur könne man feststellen, daß die Inden auch auf dem Lande in ihren Vermögensverhältnissen nicht zurückgekommen seien; dagegen klaffe die gesellschaftliche Kluft zwischen Juden, auch soweit sie in angesehenen Stellungen sich befinden, und den Andersgläubigern nach wie vor. Dieser Kluft und den erschwerten Erwerbsverhältnissen sei die Landflucht zuzuschreiben, in deren Gefolge manche kleinen Gemeinden zu Zwerggemeinden werden, die nicht mehr eigene jüdische Lehrer haben und somit ihres wichtigsten Haltes verlustig gehen. Von Vorteil für die Stellung der Juden in Kurhessen sei die aus kurhessischer Zeit stammende staatliche Organisation der kurhessischen Juden» schaft, die infolgedessen eines gerechten Schutzes seitens der Behörden in den entsprechenden Fällen sich erfreue. Gegenüber der antisemitischen Hetzarbeit, die neuerdings wieder verstärkt einsetzte,