Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 20 (1914)
- Issue
- Heft 3 (März 1914)
- Article
- Die spanischen Juden und die Errichtung eines Lehrstuhls für rabbinische Wissenschaft und Literatur an der Universität Madrid
- Date
- 1914-03-01
- Page
- 110 (sequence 2)
- Language
- German
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110 Im deutschen Reich. brüder 1492 in ruchloser und grausamer Weise vertrieben wurden, nunmehr ein philosemitischer Geist weht. Die gegenwärtige spanische Regierung, die die Sünden der Vergangenheit mit rühmlichem Eifer gutzumachen sucht und die nicht nur die Interessen der jüdischen Untertanen des Mutterlandes Spanien, sondern auch die ihrer Provinz Marokko, wo so viele Israeliten wohnen, zu wahren sucht, hat nämlich den Entschluß^ gefaßt, an der Universität zu Madrid einen Lehrstuhl für rabbinische Wissenschaft und Literatur zu errichten. Auf diesen Lehrstuhl ist der Orientalist und Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin Or. E.S.P a huda berufen und kürzlich in Madrid von zahlreichen Vertretern des Staates, der Wissenschaft und Literatur feierlich und herzlich empfangen worden. Auster der Universität zu Cambridge in England ist jetzt die Madrider Universität die einzige in ganz Europa, die einen ordentlichen Lehrstuhl für die rabbinische Wissenschaft und Literatur geschaffen hat. Nur noch an der Leipziger Hochschule ist dieses Fach in Form eines Lektorats vertreten. Der spanischen Regierung gebührt der Ruhm, daß sie aus eigener Initiative und von dem Bewußtsein der Wichtigkeit der jüdisch-raböinischen Literatur aufs Tiefste durchdrungen, eine Kulturtat vollführt hat, die jenes Land auf dem Wege des intellektuellen Fortschritts vorwärts zu bringen geeignet ist. Es ist nicht meine Absicht, auf die traurige Geschichte der Ausweisung der Juden aus Spanien am Ende des 15. Jahrhunderts einen Rückblick zn werfen. Es sei nur erwähnt, daß jenes furchtbare Ereignis in die Epoche fiel, als die Verfolgungswut und der Glaubensfanatismus im katholischen Spanien in der Blüte stand. Obschon die spanischen Juden bei der zu jener Zeit erfolgten Eroberung Granadas von ihrer Vaterlandsliebe und Schneidigkeit glänzende Beweise gegeben hatten, war dennoch der damalige Groß-Inquisitor Tomas de Torquemada, der Beichtvater des Königspaars Ferdinand und Isabella, fest entschlossen, dem spanischen Judentum den Garaus zu machen. Es war die alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu — die Geschichte von der Verleumdung der Absichten und Bestrebungen der Kinder Israels seitens der herrschenden Gewalten. Wan beschuldigte sie, daß sie fortfahren, die Christen durch ihren Unglauben zu schädigen, und da weder die Absonderung der Juden in den Ghetti, noch die Verbrennung Einzelner zur größeren Ehre Gottes die Gesamtheit veranlasse, ihren jüdischen Glauben zu wechseln, so gäbe es kein anderes Mittel, als sie alle aus dem Lande zu jagen. Am 30. März 1492 erschien auch ein königliches Edikt, das allen Juden und Jüdinnen Spaniens den Aufenthalt in diesem Lande verbot. Nie sollten sie mehr das Land wieder betreten. Auch nicht zu einem jeweiligen Besuch, unter Androhung der Todesstrafe. Wer ferner-