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Im deutschen Reich · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. 70

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Antisemitismus im Fürstentum Reuß i. L.
Date
1914-02-01
Page
70 (sequence 1)
Language
German
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70 Im deutschen Reich. Bereinsnachrichren. Antisemitismus im Fürstentum Reust j. £. In G e r a R. j. L. war vor kurzer Zeit von der Fortschrittlichen Volks- Partei zur Landtagswahl 1913 der dortige Rechtsanwalt Goldschmidt als Kandidat aufgestellt worden. Als die dortige Nationalliberate Zeitung in diesem Wahlkampfe ein sehr auffälliges Inserat der deutschsozialen Partei gebracht hatte des Inhalts: „Für einen Deutschen kann die Wahl eines Juden in den Landtag niemals in Frage kommen", hielten es die dortigen jüdischen Einwohner für angezeigt, so lange nicht in dieser Zeitung zu inserieren, bis die der Gesamtheit der Juden angetane Schmach durch eine befriedigende Erklärung getilgt würde. Dieser Akt der Notwehr wurde sofort von der' deutschsozialen Partei aufgegriffen und als neue Aeußerung der angeblichen Herrschaftsgelüste des Judentums gedeutet; Flugblätter wurden in jedes Haus getragen, privatim wurde gehetzt, und das so vorbereitete Werk sollte durch eine große öffentliche Volksversammlung gekrönt werden. Zu dieser hatte man sich den Lehrer H o l tz aus Eharlottenburg herbeigeholt, der schon als zweimaliger Durchfallskandidat der Antisemiten, als Vorsitzenden des Deutschen AntisemiLenbundes und auch dadurch bekannt geworden war, daß er seiner Stellung als Lehrer an einer Berliner FOrtbildungsschule entkleidet werden mußte, weil man in dem Aufsätze eines seiner Schüler schwere Beleidigungen gegen die Stadtverwaltung auf antisemitischer Grundlage entdeckt hatte. Der Redner entwickelte in etwa zweistündiger Rede vor etwa 400 Personen restlos das altbekannte antisemitische Hetzprogramm in einer ganz besonders auch in der Form abstoßenden Art, ohne auch nur das geringste Reue zu bringen. Reu war höchstens die unglaubliche Fülle erfundener Zahlen,, die als Beweis für das Vorherrschen des jüdischen Einflusses in allen wichtigen Berufszweigen — in der Presse, dem Theater, auf dem Kapitalmarkt — mit einer erstaunlichen Rngeniertheit vorgetragen wurde. Um nun in der zugesagten, dem Vortrag folgenden freien Aussprache die Gegner möglichst wenig zum Worte kommen zu lassen, hatte man die Versammlung erst mit einer halbstündigen Verspätung eröffnet und außerdem eine reichliche „Erholungspause" eingeschaltet, so daß. den beiden Diskussionsrednern im ganzen volle — 20 Minuten blieben, da in Gera um 12 Rhr Polizeistunde für Versammlungen eintritt. Als erster trat Herr Gerichtsassessor Dr. Fritz Rahmer-B erlin dem Referenten entgegen, der insbesondere die verhetzenden Ausführungen über die jüdische Kapitalmacht und den Unterschied zwischen Deutschtum und Judentum mit scharfen Worten als Aebertreibungen und Rnwahrhaftigkeiten vor der laut- und

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