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Im deutschen Reich · 1914-02-01 · Heft 2 (Februar 1914) · p. 56

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
20 (1914)
Issue
Heft 2 (Februar 1914)
Article
Ein Brief zum Beilitzprozeß
Date
1914-02-01
Page
56 (sequence 2)
Language
German
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Im deutschen 'Reich. jeder vernünftige Mensch hatte ich natürlich nur eilt Achselzucken über den blödsinnigen Aberglauben einzelner Leute, die noch an das Ritualmordmarchen glauben. Ihren Artikel habe ich jedoch als willkommene Zusammenfassung gelesen, und daraufhin habe ich Veranlassung genommen, die Berichte über den Prozeße in einer deutschen Zeitung aus Rußland durchzusehen. Ls siel mir nämlich auf, daß da ein „Pater" Pranaitis so hirnverbrannten Blödsinn gesagt haben sollte. Leider habe ich mich überzeugen müssen, daß dessen Aussagen, die übrigens mit besonderem Fleiß, in osfizielleu Prozeßberichten verbreitet wurden, noch schlimmer sind, als Sie ausführen. Das veranlaßt mich, Ihnen zu schreiben: Aus Ihrem Artikel kann man entnehmen — vielleicht sind Sie selbst der Ansicht —, daß, die Katholiken in Rußland allgemein auf den bedauernswerten Standpunkt der Annahme eines Ritualmordes stehen. Das ist nicht der Fall. Die deutschen Katholiken in Südrußland haben eine bedeutende katholische deutsche Zeitung „Deutsche Rundschau". Sofort im Anfänge — wie gesagt, ich habe die Blätter besonders daraufhin nochmals durchgesehen — des Prozesses nimmt die Zeitung mit aller Schärfe Stellung gegen den Glauben an Ritualmord selbst und besonders gegen Pranaitis. Dasselbe tut sie noch mehrmals, einmal in ganz auffallender Schärfe — man bedenke die russische Zensur — gegen die Richter und Ankläger, von denen sie sagt, daß sie eine lächerliche Figur zu machen gezwungen seien. Was mag das wohl für eine Strafe abgesetzt haben! Run kann man aber bei dem Blatt tagtäglich die Wirkung der Bestrafungen der Presse durch die Regierung wahrnehmen. Die Offiziellen Berichte werden länger, die Kritik kürzer. Einmal findet sich ein Artikel, der sich direkt freundlich — n i ch t in der Sache — zu Pranaitis stellt, offenbar offizielles Diktat. Aber am Schluß wird doch wenigstens kurz noch der Freude Ausdruck gegeben, daß, der Ausgang des Prozesses für Rußland günstig sei. Sie nennt den Prozeß einen Prüfstein für die russische Justiz. „Was wäre geschehen, wenn es anders ausgelaufen wäre?" Interessant ist die Mitteilung des Blattes, daß vom 26. September bis 5. Oktober 23 Blätter mit 7030 Rubel bestraft worden seien, 15 Blätter und drei Broschüren seien unterdrückt worden. Alles wegen Rotizen im Beilißprozeß. Wir Katholiken haben Interesse daran, fest zu st eilen, daß nirgendswo und nirgendswann von uns, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, antisemitische Tendenzen vertreten wordensind. Deshalb habe ich Ihnen das Obige geschrieben. Vielleicht bringen Sie eine entsprechende Rotiz in der Zeit-

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