Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 11 (November 1913)
- Article
- Chamberlains "Goethe" und das Judentum
- Date
- 1913-11-01
- Page
- 493 (sequence 2)
- Language
- German
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Chainbcrlaiirs „Goethe" und das Judentum. 493 sprachlichen Ausdmlcksform! Stellenweise macht die Schrift den Eindruck, als wollte der Verfasser zeigen: auch er verstehe nach dem Rezepte zu arbeiten, das sein Abgott Goethe in souveräner Ironie auf die knappe Formel gebracht hat: „Man braucht nur etwas auszusprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhangs in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein." Doch was Chamberlain an den Goethephitologen gesündigt hat, mögen diese dartun und tu seiner Fehlerhaftigkeit Nachweisen, hier soll nur der Finger auf einen Fleck seines Buches gelegt werden, der sicher kein Schönheitsmai ist, auf den stellenweise geradezu widerlich hervortretenden Judenhaß. * * War Goethe wirklich im Sinne Chamberlains Antisemit? Wie Goethe als gereifter Mann über die Juden dachte, geht aus einem kleinen Werke hervor, das I)r. W. Bode 1800 bei Mittler u. Sohn in Berlin erscheinen ließ unter dem Titel: „Meine Religion." Dort sagt Goethe S. 69 wörtlich in einem angeführten vertraulichen bespräche: „Was sich in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Anschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst spater, als ich viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege, und für den Dichter, der das hohe Lied gesungen." Wie hätte auch ein Goethe dauernd dem Geiste der Anduldsamkeit huldigen können, der über Lessings Nathan (hempels Ausgabe Bd. 28 S. 719) schrieb: „Möge doch die bekannte Erzählung, glücklich dargestellt, das deutsche Publikum auf ewige Zeiten erinnern, daß es nicht nur berufen wird, um zu schauen, sondern auch um zu hören und zu vernehmen! Möge zugleich das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben." And erst in neuester Zeit, 1910, wurde im Schlußbaude der Weimarer Goethe-Ausgabe ein bisher ungedrucktes Distichon veröffentlicht, das lautet: „Juden und Heiden hinaus," so rufet der christliche Schwärmer. „Christ und Heide verflucht," murmelt ein jüdischer Bart. „Mit den Christen'an 'n Spietz und mit den Juden ins Feuer!" Singt ein türkisches Kind, Christen und Juden zum Spott. Welcher ist der Klügste, entscheide! Aber sind diese Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh' ich vorbei.