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Im deutschen Reich · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. 444

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
19 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Bevölkerungsfragen und Innenkolonisation
Date
1913-10-01
Page
444 (sequence 2)
Language
German
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444 Im deutschen Reich. die Frage voplegt, woher es kommt, daß die jüdische Geburtenziffer unaufhörlich fällt, daß die Mischehen von Jahr zu Jahr anwachsen, die Taufbewegung alljährlich ihre Opfer fordert, je mehr man sich bemüht, die Wurzeln all jener Erscheinungen bloßzulegen, die wir als Verfallserscheinungen ansehen, um so zwingender drängt sich einem die Aeberzeugung auf, daß es unrichtig ist, jede einzelne Erscheinung gesondert zu betrachten und auf ihre Ursachen hin zu untersuchen, daß sie vielmehr alle nur Ausstrahlungen eines einzigen, großen, die Geschichte der deutschen Juden seit etwa 30 Jahren beherrschenden Problems sind, des Wanderungsproblems. Seit wann gibt es denn überhaupt eine jüdische Bevölkerungsfrage in Deutschland? Will man den Rahmen weit spannen, so muß man bis zu dem Anfang der achtziger Jahre zurückgehen, wo der Bevölkerungszuwachs nachzulassen beginnt, in ein a k u t e s Stadium i st sie e r st in den letzten Jahren getreten. Der Beginn der absteigenden Entwicklung fällt aber zeitlich mit dem Beginn der Wanderungen zusammen. Zunächst war es eine Abwanderung ins Ausland, begleitet von einer Binnenwanderung, von einem langsamen Hinausströmen aus den kleinen Orten in die mittleren und hon dort in die Großgemeinden. Allmählich versiegt der Abfluß in die überseeischen Länder, die Binnenwanderung aber nimmt noch stärkere Dimensionen an und wird in. ihrer Wirkung verstärkt durch die Anhäufung von Ausländer Massen in den jüdischen Zentren. Jene große Fruchtbarkeit der Juden in Deutschland, die ständig dem jetzigen Niedergang entgegengestellt wird, ist durchaus nicht sehr alten Datums, ja reicht kaum über den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. In den früheren Jahrhunderten war die Fruchtbarkeit der Juden in Deutschland keineswegs bedeutend. Die Untersuchungen über die Entwicklung der Juden in den einzelnen deutschen Städten, so namentlich in Frankfurt a. M., haben diese Tatsache festgestellt*). Die gesetzliche Fixierung der Eheschließungen auf eine bestimmte Zahl machte schon eine starke Vermehrung der Juden unmöglich. Dazu kam eine ungünstige Sterblichkeit. In Frankfurt a. M. z. B. war die Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert infolge der schlimmen sanitären Zustände des Ghetto größer als bei den Christen, und selbst die enorme Sterblichkeit des 30 jährigen Krieges hat bei der christlichen Bevölkerung nicht die höhe erreicht wie bei der jüdischen. Erst mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, als den Juden die *) Dr. W. Hanauer, Frankfurt a. M., „Zur Statistik bet jüdischen Bevölkerung in Frankfurt a. M.*, Heft Nr. 10 und 11, 6. Jahrgang der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden.« .

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