Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 8 (Juli 1913)
- Article
- 1. "Gedanken zur Judenfrage"
- Date
- 1913-07-01
- Page
- 356 (sequence 2)
- Language
- German
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356 Im deutschen Reich. Zweitens in puncto Vaterlandsliebe. Salinger will die Vaterlandsliebe im Gegensatz zu mir weniger auf Pflichtgefühl als vielmehr auf Herzensneigung basieren. Er schreibt: „Wenn ich mich auf meinen Ferienreisen an den Wundern der Schweiz und Italiens erfreue, trotzdem aber bald nach den so sehr viel bescheideneren Wturreizen meiner Heimat Sehnsucht empfinde, so geschieht das nicht darum, weil die Religion wir befiehlt, das Vaterland zu lieben, sondern weil es eben die Heimat, „die süße Heimat" ist, mit der ich durch Geburt, Erziehung und Schicksal unlöslich verknüpft bin." — Run, hierauf ist zu erwidern, daß derartige Herzensregungen gewiß sehr anerkennenswert sind, aber mit dem Gefühl allein ist es nicht getan. Wan darf eine Geliebte nicht nur anhimmeln, sondern man muß auch jederzeit handelnd für sie eintreten. Drittens aber — und nun wird die Sache ernst, und ich muß ausführlicher werden — handelt es sich um die politische Betätigung der deutschen Iudenheit. Salinger, der wohl mit mir übereinstimmend meint, daß das Wesen des Judentums in seiner Religion liegt, schreibt ruhigen Herzens den Satz: „Was hat die Religion mit der 'Politik zu tun?" — Ich kann nicht umhin, es auszusprechen, daß ich diesen Satz geradezu ungeheuerlich finde! Ich begnüge mich demgegenüber damit, es als meine Aeberzeugung ausdrücklich festzustellen, daß nicht nur der ganze Staatsgedanke auf religiöser Basis ruht, sondern daß auch das Wesen der einzelnen politischen Parteien in ihrer Stellung der Religion gegenüber liegt. Die positiven, staatserhaltenden Parteien, denen sich anzuschließen ich der deutschen Iudenheit empfahl, wurzeln im positiven Christentum; der politische Freisinn wurzelt im liberalen Christentum, im liberalen Judentum und in einem stark zum Atheismus hinneigenden Monismus; die Sozialdemokratie erklärt Religion für Privatsache, der Anarchismus hält sie für Ilnsinn. Die Parallele zwischen Religion und Politik ist also evident. Rur die religionserhaltenden Parteien sind die staatserhaltenden, und umgekehrt. Run bedauere ich, weder den religiösen Liberalismus als religionserhaltend, noch den politischen Liberalismus als staatserhaltend ansprechen zu können. Ich bin im Gegenteil der Ansicht, daß der religiöse Liberalismus mit derselben Sicherheit über den Monismus hinweg schließlich zum Atheismus führt, wie der politische Liberalismus konseguenterweise zur Sozialdemokratie führt (bekanntlich nannte ihn schon Bismarck die Vorfrucht der Sozialdemokratie). Da nun aber das Wesen des Judentums in Religionserhaltung (und damit auch in Staatserhaltung) liegt, so halte ich es für eine Paradoxie, wenn die deutsche Iudenheit weiterhin