Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 8 (Juli 1913)
- Article
- Taufen und Austritte aus dem Judentum
- Date
- 1913-07-01
- Page
- 339 (sequence 2)
- Language
- German
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Taufen und Austritte aus dem Judentum. 339 untergeordnete Rolle spielt. Es wäre falsch, zu behaupten, daß die Assimilation der Juden in Deutschland durch Aufgehen im Christentum in der Zeit des Liberalismus, als man ihnen die bürgerlichen Rechte gewährte und sie die Hoffnung hatten, vollwertige Staatsbürger zu werden, am stärksten gewesen ist. Die zweite Periode der Taufbewegung beginnt Anfang der 80er Jahre, hervorgerufen durch den Antisemitismus in seinen mannigfaltigsten Erscheinungsformen. Die Gründe, welche den Juden veranlassen, sich von seiner Religions- und Stammesgemeinschaft loszusagen, sind so bekannt und so oft Gegenstand eingehender Erörterungen gewesen, daß wir es uns versagen können, sie im einzelnen hier auszuführen. Rur einige Punkte scheinen uns einer besonderen Erwähnung wert zu sein. Daß in den letzten Jahrzehnten die„,Zahl der Täuflinge und Austretenden verhältnismäßig stark gestiegen ist, hat seinen Grund nicht zum mindesten darin, daß die Konzentration der Juden in den Städten seit Ende der 7Oer Jahre ganz gewaltig gewachsen ist. Als die Juden noch in starker Anzahl aus dem Lande wohnten, war ihr Zusammenhang mit der Religion inniger, die praktische Betätigung derselben intensiver, und infolgedessen die Taufe eine seltenere Erscheinung. In der Großstadt verflüchtigt sich leicht das religiöse Gefühl, äußere Verhältnisse erschweren die Uebung fundamentaler Religionsgesetze, die sogenannte moderne Weltanschauung verdrängt in den Kreisen der gebildeten oder halbgebildeten Juden, die aus der Provinz eingewandert sind, das altjüdische Ideal und veranlaßt sie, sich vom Judentum als etwas Veraltetem, nicht mehr Zeitgemäßem loszusagen. Ein zweiter wichtiger Faktor, von dem . wir noch zu sprechen haben werden, ist das Hinübergreifen der Austrittsbewegung auf die Frauen. Während in der ersten Periode nur ganz vereinzelt Frauen aus den höheren Kreisen zur Taufe schritten und auch noch zu Anfang der zweiten Periode Austritte von Jüdinnen nur selten vorkamen, schwillt die Austrittsziffer des weiblichen Geschlechtes immer mehr an, und es beginnt allmählich sich ein Gleichgewicht der Geschlechter herzustellen. Endlich ein drittes Moment. Der Charakter der jüngsten Periode unserer Zeit scheint auf die Austrittsbewegung nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Es ist bei vielen nicht so sehr das sogenannte „Strebertum", das Verlangen, vorwärts zu kommen, das sie zur Taufe treibt, sondern die Reizbarkeit, die Empfindlichkeit, die den Menschen unserer Zeit als Ausfluß unserer gesamten Kultur innewohnt, ünd sie in weit höherem -Maße, als dies früher der Fall war, für die Wirkungen des gesellschaftlichen Antisemitismus empfänglich macht. Sie mag mitbestimmend sein für die zahlreichen Kindertaufen.