Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 8 (Juli 1913)
- Article
- Taufen und Austritte aus dem Judentum
- Date
- 1913-07-01
- Page
- 338 (sequence 1)
- Language
- German
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33S Im deutschen Reich, Taufen und Austritte aus dem Judentum. Von Or. oec. publ. Jacob Segall-Berlin. Die deutsche Iudenheit hat in den letzten 100 Jahren einen nicht unerheblichen Teil ihres Bestandes durch Taufen und Austritte verloren*). Die Taufbewegung der neuen Zeit setzt zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Eine Reihe der verschiedensten Ursachen wirkten zusammen, um in den ersten Jahrzehnten einen massenhaften Aebertritt vom Judentum zum Christentum herbeizuführen. Die falsch verstandene Aufklärung in den gebildeten Kreisen, die mit Indifferentismus gegenüber der angestammten Religion, bei vielen mit Verachtung derselben gepaart war, der plötzliche Uebergang aus dem Dunkel des Ghetto in das Licht der Freiheit, bei manchem der Gedanke, erst durch Annahme des Christentums ein vollwertiger Deutscher zu werden, die Strömung in der protestantischen Kirche jener Zeit, welche den Uebertritt erleichterte, vor allem aber der politische Druck, der in der Reaktion von 1815 an bis gegen Ende der Mer Jahre schwer auf den Juden lastete, haben dem Judentum schwere Wunden geschlagen. Man beseitigte, teils durch Gesetze, teils durch Verwaltungsmaßnahmen die den Juden durch das Edikt von 1812 gewährter- Freiheiten und suchte sie gewaltsam in die alte Unfreiheit zurückzudrängen, um sie zur Annahme des Christentums zu zwingen. Die Folge war auch, daß, von 1812 bis 1840 in Preußen sich 1200 Juden taufen ließen**). Diese Ziffer gewinnt an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß Berlin, wo die meisten, ja man kann sagen, fast alle Aebertritte erfolgten, 1840 erst 6000 Juden zählte. Man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, daß ein großer Teil der gebildeten Berliner Iudenheit damals dem Judentum verloren gegangen ist. Von der Mitte der 40er Jahre ab zog ein freierer Geist auf wirtschaftlichem, politischem und religiösem Gebiete durch die Lande; die Taufen ließen nach. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß in den Ländern und den Zeiten, in denen die Gegensätze zwischen den Juden und ihrer Umgebung auf politischem, gesellschaftlichem und sozialem Gebiete an Schärfe verlieren, zwar die Mischehe stark um sich greift, die Assimilation große Fortschritte macht, aber die Taufe nur eine *) Die Gesamtzahl der Taufen und Austritte in Deutschland läßt sich nicht ermitteln. Rach einer Schätzung des Missionars J. de le Roi betrug die Zahl der Iudentaufen überhaupt im 19. Jahrhundert 224 660 (Samter: Iudentausen im 19. Iahrh., Berlin 1906, S. 72). **) I. G. tzoffmann: Sammlung kleiner Schriften staat-wissenschaftlichen Inhalts, Berlin 1843, S. 351.