Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1913)
- Article
- Vortrag des Herrn Professor Dr. Falkenheim, Königsberg
- Date
- 1913-05-01
- Page
- 201 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316829-2316834-2347159--23500-2347241- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
201 (ücnivalvcvcin und Zionismus. Vorimg des Herrn Professor Dr. Falkenheim, Königsberg: Hochverehrte Anwesende! Mit einer gewissen Schen trete ich vor Sie hin. Im letzten Moment hat sich ein Wechsel der Referenten als notwendig heraus gestellt. Dem Ansuchen unseres Vorstandes folgend, habe ichsdas Referat übernommen, der großen Verantwortung mir vollauf bewußt. Die durch die Kürze der verfügbaren Zeit gewaltig gesteigerte Schwierigkeit der Aufgabe läßt mich zweifeln, ob es mir möglich sein wird, ihr gebührend gerecht zu werden. Leitstern war mir die Liebe zum Judentum, wie ich es von meinen Vorfahren übernommen, wie ich es selbst im Laufe des Lebens erkannt habe, zum Judentum, von dem mich nichts zu trennen vermocht hat, nichts trennen wird, Leitstern die unbedingte Achtung vor der ehrlichen Ueberzeugung anders Denkender, die unparteiische Bewertung^ idealer Motive, gleichgültig, wo sie sich finden. Meine Damen und Herren! Das Verhalten des Centralvereins zum Zionismus steht zur Besprechung. Cs wird zu erörtern sein, ob die Bahnen, auf denen sich der Centralverein und der Zionismus bewegen, nebeneinander herlaufen, ohne Beziehung zueinander, ob sie sich berühren, ob sie sich kreuzen und gegenseitig stören. Was der Centralverein will, besagt der § 1 seiner Satzungen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen (Klaubens bezweckt, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrtcn Pflege bentjd)er Gesinnung zu bestärken. Die Ziele des Vereins sind damit klar und eindeutig umschrieben. Mitglied des Vereins können Juden und Jüdinnen werden, gleichgültig, welcher religiösen,' welcher politischen Richtung sie angehören, sofern sie das 18. Lebensjahr vollendet haben, im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte und der deutschen Staatsangehörigkeit sind. Allerdings noch eine Vorbedingung müssen sie erfüllen, sie dürfen nicht Zielen nacheifern, Bestrebungen huldigen, die mit den Zielen und Bestrebungen des Centralvereins in Widerspruch stehen. Das geht unzweifelhaft aus § 8 b der Satzungen hervor, der lautet, daß durch Zweidrittel-Mehrheit der erschienenen Vorstandsmitglieder die Mitgliedschaft entzogen werden könne, wenn ein Mitglied durch sein Verhalten die Zi le und Bestrebungen des Vereins schädigt. Gegen diesen Beschluß steht Berufung an die nächste Hauptversammlung offen. Von wenig freundlich gesinnter Seite hat man den Verein ob seines Namens mit Hohn und (^pott überschüttet, hat man versucht, ihn der Lächerlichkeit preiszugeben, indem man das Wort „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Unglaubens^ prägte. Zweifellos ist der Abstand der Mitglieder untereinander hinsichtlich der Gläubigkeit ein sehr großer, auf der einen Seile streng Orthodoxe, auf der anderen Freidenker, die sich von den Glaubenslehren des Judentums nur die Lehren der höchsten Sittlichkeit bewahrt haben, ohne daß es ihnen allerdings trotz ihres Freidenkertums gelungen ist, das verschleierte Bild von Sais zu enthüllen, Antwort zu finden auf die allerletzten Fragen des Woher und Weshalb. Alle aber, Strenggläubige, Mittelparteiler, Liberale, Freidenker, stimmen darin überein, daß sie der Gemeinschaft, in die sie hineingeboren sind, treu bleiben wollen, der Gemeinschaft, für deren Umgrenzung zwei Komponenten in Frage kommen, das Glaubensbekenntnis, das, gewaltigen ethischen Inhalts, weitgehend eine Abwandlung gestattet, und die gemeinsame Abstammung. Gleichgültig, was den