Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 3 (März 1913)
- Article
- Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik meines Kunstwart-Aufsatzes
- Date
- 1913-03-01
- Page
- 99 (sequence 3)
- Language
- German
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Professor Dr. Julius Goldsteins Kritik usw. 99 sie für böswillige Erfindungen eines Betrügers halten; sondern um unsere wahre Lage zu durchschauen, müssen wir .uns zu der Erkenntnis bequemen, daß Männer, wie Schopenhauer, Lhamberlain usw. — bei aller objektiven Entstellung und Verleumdung —, subjektiv die Wahrheit sagen, und müssen uns nun fragen, wie wir auf eine Umgebung reagieren wollen, die solche Meinungen über uns hegt und predigt! „Weshalb," fragt der Kritiker weiter, „sollte ein deutscher Jude . . . reicht auch über Luther und die Reformation arbeiten dürfen?" Ja, zum Teufel, das frage ich auch. Ich möchte den sehen, von dem ich mir germanistische Antersuchungen verbieten ließe, und ich will hitzx gestehen, daß ich beruflich seit Jahren ganz eng mit einer sehr verbreiteten Ausgabe deutscher Klassiker verbunden bin. Aber wer hat denn die absurde Forderung gestellt, die mir der Kritiker unterschiebt? Ich selbst habe etwas ganz anderes gesagt: nämlich, daß man — wie die Verhältnisse einmal liegen — dies nicfyt tun darf, ohne sich etwas dabei zu denken und das Gedachte auszusprechen. Freilich darf einer aus unseren Reihen sich mit Luther befassen; aber er soll es nicht tun mit der Miene eines evangelischen Theologen, nichts mit der stillen Absicht, daß man nichts merke, sondern er muß Stellung nehmen als Jude, er muß bei Luthers maßlosen Verunglimpfungen und Hetzschriften gegen die Juden, etwas empfinden, er muß Farbe, bekennen. Ich habe die Ansprache Claude Montefiores über die Bedeutung Jesu nicht gelesen rurd weiß nicht, was er gesagt hat. handelte es sich darum, daß zur Abwechslung einmal ein Jude seine jüdische Auffassung über Jesus darlegte — sehr gut! Wir werden ohnedies aufangen, je mehr die germanischen Völker sich bestreben, das Christentum als Verjudung aözustreifen, den Juden von Nazareth als einen der unsrigen anzusehen. Kam es dem Redner aber darauf an, auf die harmloseste Weise von der Welt, einen christlichen Redner zu imitieren und einer gebildeten Versammlung zu demonstrieren, daß wir das auch können — so war es eine unglaubliche Takt- und GesHmacklosigkeiL, hier so gut wie in England. Denn das Wesentliche an der Sache ist, daß wir uns zwar das Recht zu solchen und ähnlichen Dingen zuschreiben, daß es aber von der anderen Seite nicht anerkannt wird. Und damit komme ich auf meinen sogenannten Kcrnsatz: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die Fähigkeiten dazu abspricht." Ls gehört nicht sehr viel dazu, ihn als übertrieben zu erkennen, zumal ich selbst ihn schon eine scharfe Formulierung genannt habe. Versteht man: die Inden — und nicht die Deutschen — verwalten den geistigen Besitz Deutschlands: so ist er falsch; versteht man hingegen: die Inden verwalten den geistigen Besitz der Deutschen und nicht der Juden: so ist er absolut richtig, und niemand kann das geringste dagegen einweuden. Denn, daß wir prozentualiter in viel größerer Zahl als die Richtjuden uns verwalteuderweise mit literarischen und künstlerischen Werten befassen, daß wir sie kritisieren, aufführen, verlegen, herausgeben, das kann ebensowenig geleugnet werden, wie daß wir diesen geistigen Besitz im wesentlichen nicht geschaffen haben. Line ganz andere Frage ist, ob wir dieses Amt gut oder schlecht verwalten; ich. lasse sie hier beiseite; denn es genügt, daß die anderen diese unsere Dienste zurückweisen. Das ist das Entscheidende, und darauf muß man den Blick richten, wenn es auch wehe tut. Ich weiß sehr wohl, daß die meisten Juden zum deutschen Geist ein durchaus naives Verhältnis haben und daß sie nicht gern aufgeweckt werden wollen; denn freilich .bereitet die Entdeckung, wie wir nun tatsächlich in der deutschen Kultur und zu ihr stehen, keine Freude; auch bei mir