Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 19 (1913)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1913)
- Article
- Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am Schlusse des zweiten Jahrzehnts
- Date
- 1913-02-01
- Page
- 50 (sequence 1)
- Language
- German
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50 Im deutschen Ae ich. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am Schlüsse des zweiten Jahrzehnts. Am 5. Februar d. I. werden zwanzig Jahre seit dem Tage verflossen sein, an dem unter dem Eindruck der von Dr. AaphaeL Löwenfeld verfaßten Schrift „Schutzjuden oder Staatsbürger?" sich bei dem Kommerzienrat Julius Isaac gegen 200 Herren zusammenfanden, um zu beraten, wie man in wirksamerer Weise als bisher sich gegen die wehren könne, die unablässig bestrebt seien, die Juden wieder zu Heloten herabzuwürdigen, ihre Religion und deren Einrichtungen zu beschimpfen, ihre heiligen Schriften zu verunglimpfen, ihr Eigentum und ihre Person zu bedrohen. Die Anwesenden erkannten dankbar an, was das damalige, nur aus wenigen Herren zusammengesetzte „Komitee zur Abwehr antisemitischer Angriffe" in unauffälliger Weise geleistet hatte; nicht minder, wie wacker der von christlichen Männern (Gneist, Dubois-Reyrnond, Bunsen, Mommsen, Rickert u. a. m.) begründete „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" aus Menschenpflicht und infolge der liberalen Gesinnungen seiner Leiter bemüht war, die kulturwidrige Bewegung einzudämmen. Die deutschen Juden mußten es aber als charaktervolle Männer ihrerseits als Pflicht ansehen, diesen Kampf nicht von wenigen jüdischen Männern in der Stille führen oder bei diesem Streit eine immerhin nur kleine Schar christlicher Mitbürger sich für sie aufopfern zu lassen. Die Mannesehre verlangte von den Juden, daß diese selbst in die Bresche treten, die eigene Haut zum Markte tragen und ihre heiligsten Güter im vollsten Lichte der Oöffentlichfeit selbst verteidigen. Die Versammlung war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Gesamtheit der deutschen Juden, die als solche angegriffen war, furchtlos sich mit allen ihr zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln wehren müsse. Es müsse versucht werden, durch fortgesetzte laute Aufrufe den besser gesinnten Teil des deutschen Volkes zu überzeugen, daß durch die angebahnte Wiedereinführung mittelalterlicher Verhältnisse und durch den Bruch verbriefter Rechte nicht nur ein schweres Unrecht, sondern eine nicht minder schwere Schädigung der gesamten Volkswohlfahrt herbeigeführt würde.. In jener Februarversammlung ist der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens begründet, ein vorläufiger Vorstand gewählt, kurze Zeit darauf die Organisation soweit vollendet worden, daß eine zentrale Leitung für die Wahrung der Rechte der deutschen Juden geschaffen war, die durch Wort und Schrift, durch Vorträge und Schaffung aufklärender Literatur nach und nach alle ihr anfangs entgegengebrachten Bedenken zu beseitigen wußte.