Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Berlin
- Date
- 1912-12-01
- Page
- 558 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. namhaft zn machen, die in der angeführten Weise Wucher 'getrieben haben. Solange dies nicht geschieht, muß die Behauptung, daß voll jüdischen Händlern unverschämt hohe Zinsen berechnet werden, als eine Verleumdung angesehen werden, die lediglich der antisemitischen Wühlerei Vorschub leisten soll. Es werden sich vielmehr viele Fälle Nachweisen lassen, in denen es den ärmeren Söldnern und Tagelöhnern unmöglich war, von einer Darlehnskasse die Mittel zur Anschaffung einer Kuh 31t bekommen, weil sie keine Bürgen stellen konnten. In solchen! Falle sind oft genug jüdische Händler zu Hilfe gekommen, die den in Not Geratenen jahrelang Kredit gewährten. — Daß die judenfeindlichen Zeitungen noch immer durch die Verbreitung von Ritualmordmärchen den Religions- und Rassenhaß zu entfachen suchen, ist gewiß in hohem Grade bedauerlich; hoffentlich werden ihre Bemühungen dadurch vereitelt, daß in jedem einzelnen Falle früher oder später eine Aufklärung,., erfolgt, welche weite Kreise davon überzeugt, wie von den Antisemiten fast jede Mordtat, deren Urheber zunächst unentdeckt blieb, zur Verbreitung von Ritualmordgerüchten mißbraucht wurde, was den Mördern dann die Gelegenheit bot, der verdienten Strafe zu entgehen. Dieser Tage gestand die Frau eines Kaufmanns in A s ch e r s l e b e n auf dem Sterbebette, ihr Mann habe im Jahre 1904 den löjährigen Knaben Breitschuh erstochen, dessen Leiche damals entsetzlich verstümmelt aufgefunden wurde, was zu dem Gerücht den Anlaß gab, der Knabe sei einem Ritualmord zum Opfer gefallen. Jahrelang wollte dieses Gerücht nicht verstummen. Weit verhängnisvollere Folgen als dieses in Aschersleben lange verbreitete Ritualmordmärchen hat in Oesterreich die P 0 ln a-Affäre gehabt, wegen der Leopold Hilsner bereits Jahre hindurch im Gefängnis schmachtet. An diesem 3. November haben Wiener Blätter die Mitteilung erhalten, in P 0 l n a habe sich der dort wohnende Fabrikschuhmacher S m ey - ka l in dem Schanklokal Bozena Heller selbst als Täter des an Agnes Hruza begangenen Mordes bekannt. Als Zeugen dieser Aeußerungen wurden namhaft gemacht: die Bauern Vojtech Rossicky und Havlicek vulgo Landa aus Dobrutow bei Polna, der Polnaer Einwohner Rudolf Parik, Frau Bozena Heller, die Schustersgattin und Bedienerin Josefa Prozarova und Alfred Aufrecht in Polna. Inzwischen hat Smeykal seine Aussage widerrufen und behauptet, er habe sich zu dem Geständnis veranlaßt gesehen, um seiner Frau, von der er fortwährend gequält werde, Angelegenheiten zu bereiten. Smeykal protestierte gegen seine Verhaftung, doch entschied der Gerichtshof, daß er in Untersuchungshaft 311 bleiben habe, bis die Selbstanzeige geprüft werde.