Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Das Verhalten der Christen gegenüber den Juden
- Date
- 1912-12-01
- Page
- 549 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Verhalten der Christen gegenüber den Juden. 54a „Wer '.licht fühlt, daß sich Haß und Neid immer gegen den kehrt, der sie hegt, dem ist nicht zu helfeil. Vielleicht liegt gerade darin eine erzieherische Absicht Gottes, daß er eine Anzahl israelitische Hechte "in den deutschen Karpfenteich gesetzt hat. Denn das scheint mir unwidersprechlich zu sein, daß an Scharfblick, Rührigkeit, Anverdrossenheit, wohl auch an Wagemut man von den Semiten lernen kann. Die Gerechtigkeit gegen die Israeliten verlangt Anerkennung des Guten, das sie haben. Dann erst dürfen wir auf Gehör rechnen, wenn wir das Ungute tadeln., das nebenher geht. Zu den Vorzügen der Israeliten möchte ich nicht zuletzt ihre oft hochherzige Wohltätigkeit rechnen. Die Geschichte lehrt uns, daß von dem Feind weder ein Aar, noch ein Trost noch ein Tadel angenommen wird. Was für eine demütigende Kritik des geschichtlichen Christentums liegt doch darin, daß tausend Jahre hindurch die Juden unter christlichen Landsleuten gewohnt haben, ohne von dem Zauber des Christentums berührt worden zu sein! Daß Israeliten aus Aützlichkeitsrücksichten die christliche Taufe begehren und — meist ohne große Schwierigkeiterl — erhalten, darüber herrscht unter den ehrlich denkenden Juden und Christen die nämliche Meinung, daß dies ein charakterloses Verhalten fei. Anfere Aufgabe ist es nicht, über die Iuderr zu schelten und sie zu verachten, auch nicht unter unseren israelitischen Mitbürgern eine ansdringliche Indenmission zu treiben. Wir haben nur eine Pflicht: Zeugen des Iesuslebens zu sein imb dem Gott zu vertrauen, der niemand sterben lassen will, der gleich uns zum wahren Leben bestimmt ist. Wohl wird vielleicht auch in Zukunft ein Teil der Iudenheit als besondere nationale intb religiöse Einheit weiter bestehen, der andere aber wird innerlich mit seinem Wirtsvolke verschmelzen und in ihm aufgehen. Marl mag dagegen politische und nationale Bedenken hegen, vom religiösen Standpunkt aus gesehen, scheint mir dies die einzige mögliche und dauernd befriedigende Lösung der Iudenfrage zu sein/' Wir denken uns diese Lösung anders, wenn uns auch vieles in der milden Aeußerung sympathisch berührt, besonders die Tatsache, daß Herr Hauptprediger I)r. Geyer unumwunden erklärt, daß er das Verhalterl solcher Juden, die nur aus A ü tz I i ch k e i t s g rü n d e 11 die Taufe begehren, als ein charakterloses bezeichnet. Wie dieser evangelische Geistliche, so wünschen auch wir, daß sich Christ und Jude verstehen lernen und bei allen Kulturausgaben zusammensinden, um mit Eifer unb Hingabe, ohne Arg und Mißtrauen, ohne Vorurteil und Widerwillen gemeinsam für die allgemeine Wohlfahrt imb Sittlichkeit zu arbeiten. Wir betteln aber nicht um Liebe; wir wollen uns ihrer nur würdig erweisen und freuen, wenn sie uns gewahrt, oder