Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1912)
- Article
- Offener Brief des Kreisrabb. Dr. Beermann-Insterburg an Prof. Niebergall-Heidelberg
- Date
- 1912-07-01
- Page
- 345 (sequence 7)
- Language
- German
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Offener Brief usw. 345 jener fernen Heilszeit: Dann wird wohnen der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger wird lagern neben dem Böcklein, und Kalb und junger Leu und Masttiere weilen zusammen, ein kleiner Knabe leitet sie. Dann wird der Säugling spielen, am Loche der Natter, und in des Basilisken Höhle wird das kaum entwöhnte Kind seine Hand stecken. Sie verletzen nicht und verwunden nicht auf meinem ganzen heiligen Berge. Denn voll wird die Erde der Erkenntnis Gottes, wie Wasser den Meeresgrund bedecket. Es liegt eine Wahrheit darin, wenn die Rabbiner im Mittelalter in den ihnen aufgezwungenen Religionsgesprächen mit diesen Stellen die Messianität Jesu ablehnten. Für uns ist der Messias erst dann gekommen, wenn sein Reich, das Reich der Humanität angebrochen und das Reich der Bestialität restlos geschwunden ist. Einen solchen Idealzustand für die ferne Zukunft zu erhoffen, ermutigt uns unser Glaube. Daß. die Gegenwart noch weit von diesem Ziele ist, fühlen gerade wir Juden, die Juda halewi, der jüdisch-spanische Dichter und Denker, das Herz der Völker genannt hat, besonders lebhaft. Während ich dies schreibe, dringen zu mir erneute Schreckenskunden aus dem barbarischell Rußland, wo man tatsächlich mit dem frommen Pobjedonoczew grausamem Rezept Ernst macht: Ern Drittel der Juden zwingt man zur Taufe, ein Drittel treibt man hinaus, und ein Drittel schlägt man tot. Lassen wir uns durch den entsetzlichen Jammer, den der Hast über das Volk der Bibel bringt, nicht die Zuversicht rauben, dast doch einst der Tag kommen wird, wo die Welt sich wandelt „zum Reich des Allmächtigen, zum Reiche der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit". Bis dahin mögen alle Völker im Namen ihres Gottes wallen, wir Juden aber sollen wandeln im Namen des Ewigen, unseres Gottes (Micha 4,5) und treulich sorgen, daß. die uns anvertrauten, reinen Gottgedanken weder verflacht, noch verfälscht werden, und im Christentum und Islam die beiden gottgewirkten Mächte erblicken, welche die Herzen der Völker dem Ewigen zuführen werden. Ich schließe mit den Worten eines schriftgelehrten Meisters in Israel: Nicht zu meiner Ehre Hab' ich's getan, und nicht Zur Ehre meines Hauses, sondern damit sich nicht mehre Befehdung wider Israel! Mit dem Ausdrucke meiner Verehrung bin ich Ihr ergebenster Kreisrabbiner Dr. Max Beermann. Insterburg.