Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Die jüdische Bevölkerung in Deutschland
- Date
- 1912-06-01
- Page
- 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Im deutschen Reich. kenntnis in diesen das Wesen des heutigen Judentums berührenden Dingen ist teilweise daraus gegründet, daß man gerade in jüdischen Fragen aus Grund oberflächlicher Sentiments allzu leicht zu urteilen gewohnt ist; teilweise aber mußte man in früherer Zeit ohne eine allein verlässige wissenschaftliche Grundlage urteilen, da eine solche nicht vorhanden war. Die statistischen Erhebungen waren bezüglich des jüdischen Volksteiles ganz ungenügend und sind auch heute noch keineswegs ausreichend. Immerhin geben sie uns, gut verarbeitet und fleißig gesammelt, ein in großen Zügen genaues Bild der Lage der deutschen Juden. Eine unsere Wünsche nach Anparteilichkeit, Gründlichkeit und wissenschaftlicher Genauigkeit erfüllende Schrift hat der bekannte Statistiker der Juden Dr. Jacob Segall unter dem Titel „Die beruflichen und sozialen Verhältnis s e der Juden in Deutsch - t a n d" (Hesi 9 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden) jüngst erscheinen lassen*). In fünf Kapiteln werden die jüdische Bevölkerung als solche mit besonderer Berücksichtigung der erwerbstätigen Bevölkerung, beruflicher Gliederung, soziale Schichtung und Einkommensverhältnisse sowie der Frauenerwerb behandelt. Gewiß ist die Arbeit nicht erschöpfend und in Aufbau und Technik jeden Widerspruch ausschließend, aber doch so, daß ein jeder Leser zu den Lebensfragen der deutschen Juden urteilend Stellung zu nehmen in der Lage ist. Wir lernen, daß die Gründe der relativ geringen Geburtenzahl der Juden nicht nur in der absichtlichen Beschränkung der Kinderzahl, in Wanderungen und der Amwälzung in der Wirtschaftsverfassung liegen, und daß wir nicht die Fruchtbarkeit der jüdischen Bevölkerung mit der der übrigen Volksschichten in Vergleich ziehen dürfen und ein wissenschaftlich zureichender Grund, der den Antergang der deutschen Juden als wahrscheinlich erscheinen läßt, nicht gegeben ist. Auf der Grundlage der Darstellung der Bevölkerungsverhältnisse im allgemeinen wird die Irrigkeit des von Baumann ausgesprochenen Satzes erwiesen, die Zahl der erwerbstätigen Juden vermehre sich nur aus dem Grunde langsam, weil die Juden als solche sich nur in geringem Maße vermehrten. Hier wird gezeigt, daß ein Trugschluß vorliegt. Denn der Amstand, daß die Juden in ihrer großen Masse im Handel und in den freien Bernsen zu finden sind und diese Berufe ein höheres Eintrittsalter im Durchschnitt sowie einen relativ geringen Anteil der Frauenarbeit aufweissn, begründet die relativ geringe Vermehrung der Zahl der erwerbstätigen Juden. Interessieren wird auch der Nachweis, *) Berlin XV 62, Verla a von Max Schildberaer, 86 Seiten stark. Preis M. 2,40.