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Im deutschen Reich · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. 219

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
18 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Ritualmordmärchen
Date
1912-05-01
Page
219 (sequence 2)
Language
German
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Rrtuatmordmärchen. 219 mordung des Iustschinsky beteiligt ist, entzieht sich der Beurteilung. Auch ein Jude kann ein Verbrecher sein, aber nur ein von verblendetem Fanatismus oder gewissenlosem Parteihaß erfüllter Mensch wird behaupten, daß Beilis von Religio ns wegen ein Verbrechen verübt haben kann. Trotzdem ist in Kiew der seit Jahrhunderten in den verschiedensten Ländern fortwuchernde Ritualmordwahn wieder in das Volk getragen worden und droht, wie er es oft getan, die irregeführten Massen zu verführen, sich mit dem Blute unschuldiger Menschen zu besudeln. Die Vorgänge in Kiew geben hinreichenden Anlaß zu.der Annahme, daß die Ermordüng Iustschinskys von gewissenlosen Volksaufwieglern begierig aufgegriffen worden ist, um ungebildete Massen durch Auffrischung eines Wahnglaubens, für dessen Berechtigung noch nie der Schatten eines Beweises erbracht worden ist, zu grausigen Gewalttaten aufzureizen, lästige Wettbewerber oder politische Gegner zu vernichten und gleichzeitig die wirklichen Mörder des Iustschinsky dem strafenden Arm der Gerechtigkeit zu entziehen. Aehnlichen Zwecken hat der Ritualmordwahn stets gedient, wenn diese zur Beschämung aller Freunde des Kulturfortschrittes immer wieder auftauchende Fabel verbreitet wurde. In der vorerwähnten, von Ministern, Parlamentariern und Aniversitäts-Professoren Unterzeichneten Kundgebung heißt es am Schlüsse: „Wir halten es für die Pflicht eines jeden, dem der sittliche Fortschritt der Menschen am Herzen liegt, gegen solchen traurigen Aberwitz die Stimme zu erheben. Wir schließen uns damit dem Warnruf der angesehensten russischen Gelehrten, Schriftsteller und Künstler an in dem Bewußtsein, daß solche Warnung an keine Grenzpfähle gebunden ist. Sie muß Herzenssache der gesamten Kulturwelt sein." Dieser ergreifende Warnruf vornehm gesinnter Christen ist von vielen deutschen Blättern verbreitet worden, nicht um in einen schwebenden Prozeß im Ausland einzugreifen, sondern um einer erneuten geistigen Brunnenvergiftung Einhalt zu tun. Auch große russische Blätter wie „Retsch", „Rußkija Wjedomosti", „Odesskija Nowosti" und zahlreiche russische Provinzblätter haben den Aufruf entweder ganz mit allen Unterschriften oder wenigstens im Auszuge, gebracht; die Wirkung dieser Kundgebung in Rußland ist noch nicht abzusehen. Beschämend ist aber die Hast, mit der die deutsche Antisemitenpresse sich mit dem kulturfeindlichen Treiben der fanatischen. „echt russischen Leute" identifiziert und den russischen Ritualmordprozeß auszuschlachten gesucht hat, um ihre bei den letzten Reichstagswahlen heruntergekommene Parteisache mit den rohesten Mitteln der Iudenhetze wieder emporzubringen. Die „Deutsch-Sozialen Blätter" und die „Staatsbürger-Zeitung"

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