Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 4 (April 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-04-01
- Page
- 172 (sequence 1)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. Amschau. re Annahme, daß sich nach den Wahlen die politische Lage in Deutschland klären würde, scheint sich als irrtümlich zu erweisen; der von den Parteien der Linken erzielte Erfolg war dazu nicht entscheidend genug. Die Frage: „Was nun?" schwebt auf allen Lippen; denn die Ungewißheit der Verhältnisse ist geeignet, den Parteihaß zu verschlimmern und die Zahl der Unzufriedenen zu vermehren. Statt den berechtigten Wünschen der Mehrheit des deutschen Volkes Rechnung zu tragen, suchen bisher maßgebend gewesene Parteien den Mißmut, den ihre Interessenpolitik erregt hat, auf diejenigen Industriellen abzulenken, die man mit Unrecht als die Träger des Kapitalismus bezeichnet, nämlich auf die Juden. Man rechnet dabei auf die Macht überkommener alter Vorurteile und auf den Eindruck, den der Wohlstand einzelner Juden auf die übrige Bevölkerung machen könnte. Daß diesem Wohlstand einzelner Juden ein massenhaftes jüdisches Proletariat gegenübersteht, wird ebenso unterschätzt, wie die Tatsache, daß der wenig bemittelte jüdische Gewerbetreibende seit der kapitalistischen Wandlung der Verhältnisse weit schlimmer daran ist als die christlichen kleineren Gewerbetreibenden und Handwerker, die wenigstens von religionsfanatischen Boykottierungen verschont sind. Die Binsenwahrheit, daß in Deutschland die größten Reichtümer bei ch r i st l i ch e n Ma g n a t e n zu finden und keineswegs im Besitze der Juden sind, wird im allgemeinen wenig beachtet. Sie leuchtet aber jedem ein, der bedenkt, welche Kreise sich am beharrlichsten gegen die Einführung einer E r b a n f a l l st e u e r sträuben, deren Ertrag voraussichtlich hinreichen würde, die Kosten einer nötigen Verstärkung von Heer und Seemacht zu decken, ohne die gesamte Bevölkerung durch andere Steuern zu bedrücken und die Schuldenlast des Reiches zu vergrößern. Die Aussicht auf diese rationelle Besteuerung ist geschwunden durch den Widerspruch des Zentrums. Besonders flößt aber die Erbanfallsteuer den judenfeindlichen Agrariern und ihrem Anhang den tiefsten Widerwillen ein. Sie glauben sich gegen diese Steuer und gegen jede andere ihren materiellen Interessen drohende Gefahr durch, die Wiederbelebung des Antifcmitismns schützen zu können, der in die Bürgerschaft die Fackel der Zwietracht schleudert und sie unfähig macht, sich einmütig dagegen zu wehren, daß ihr wiederum die schwersten Lasten aufgebürdet