Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 79 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 79 finden wir ba§ Judentum stark vertreten, das sich noch immer als „Ferment der Dekomposition" erweist (Mommsen). So wird ein Stück Antisemitismus noch lange zur konservativen Weltanschauung gehören müssen." Solange in dieser Partei noch die Elemente vorherrschend sind, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, wird dies selbstverständlich der Fall sein. Sie können sich von einer rückständigen Weltanschauung nicht lossagen und beschönigen diesen Mangel durch einen angeblichen Einfluß des Judentums, der ooch, wie allgemein bekannt ist, in Preußen nicht einmal so weit reicht,, die den Juden bereits vor 100 Jahren zugesagte und später durch Perfassung und Gesetz verbriefte Gleichberechtigung zu verwirklichen. Daß^die Aeußerung Mommsens von dem „Ferment der Dekomposition" tatsächlich bedeutet, das regsame, freie jüdische Element in Deutschland sei sehr geeignet, es zu einem nützlichen Sauerteig der Nation zu machen, können oder wollen die Tivoli-Konservativen nicht verstehen. Lieber fördern sie nach dem Grundsatz „besser für die Verwesung als für die Freiheit!" die antisemitischen Elemente der Fäulnis, die der deutschen Nation nicht nur Schmach^ sondern auch eine gefährliche Zersetzung gebracht haben. Unter dem Vorgeben, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, haben diese seltsamen Schützlinge einer konservativen Partei nicht nur fast einer Million deutscher Staatsbürger das Leben zu vergällen gesucht, sondern in viel größeren Volksschichten auch die monarchische und die religiöse Gesinnung zerstört. Dast nicht alle Mitglieder der konservativen Partei verblendet genug sind, die Förderung des antisemitischen Anarchismus für „konservativ" zu halten, unterliegt keinem Zweifels aber tausendjährige Vorurteile aözustreifen, fällt eben der großen Mehrheit der Mitglieder der Stände schwer, die dabei Vorrechte zu verlieren fürchten, die längst verjährt und nur noch durch Hemwung aller Kulturfortschritte aufrecht zu erhalten sind. So klammern sie sich an das widersinnige Tivoli- Programm an, statt sich zu ähnlichen politischen Anschauungen emporzuschwingen, zu denen die konservativen Parteigänger in England, die Tories, wesentlich durch das Genie Disraelis gelangt sind. Wenn aber in Preußen ein Konservativer nur den schüchternen Versuch macht, seine Partei zu modernen Anschauungen zu bringen, dann fällt der ganze reaktionäre Klüngel über ihn her und zwingt ihn, wenn irgend möglich, zu einem Widerruf.