Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1912)
- Article
- Sind die galizischen Juden Wucherer?
- Date
- 1912-02-01
- Page
- 76 (sequence 2)
- Language
- German
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76 Im deutschen Reich. in welcher die Entwicklung geschildert wurde, welche der wirtschaftliche Zusammenschluß der Deutschen in Galizien auf dem Gebiete der KrediLorganisation in den letzten drei Jahren genommen hat. Der Verfasser hält die Bedingungen für ein Vorwärtskommen der deutschen Landwirte Galiziens für durchaus günstig, da der Boden durchweg sehr gut ist, die Arbeitskräfte nicht teuer sind und auch die Preise für die Erzeugnisse der Landwirtschaft im Steigen begriffen sind. Trotz alledem herrsche aber kein Wohlstand unter den Deutschen Galiziens. Als A.rsache führt er folgendes an: „Der Grund liegt in den allgemeinen trostlosen Verhältnissen des Landes. Galizien war für den Wucherer das gelobte Land, und ist es zum Teil noch heute. Das jüdische Element im Lande, das überwiegend vom Zwischenhandel und Darlehensgeschäft lebt, ist fast eine Million stark, und bis vor kurzem strömten noch alljährlich aus Rußland und Rumänien vertriebene Juden zu. Das Geld war sehr teuer. 10—12o/o waren der Durchschnitt, 15—20 o/o keine Seltenheit, ja zu gewissen Zeiten mußten sogar 50 o/o gezahlt werden. Dazu kam der Warenwucher und die Abhängigkeit des Landwirtes beim Verkauf der Waren vom Gläubiger." Aus diesem Grunde mußten die Deutschen sich eigene Spar¬ und Darlehnsvereine schaffen. Diese Behauptung, daß wuchertreibende Juden an dem mangelnden Wohlstand der Deutschen in Galizien schuld seien, ist, wie wir in folgendem Nachweisen wollen, durchaus nicht stichhaltig und bedarf vor allem deswegen der Widerlegung, weil sie von einem Manne geäußert worden ist, von dem man eine genaue Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse hätte erwarten dürfen. Zunächst bedarf die Angabe über die Größe der jüdischen Bevölkerung in Galizien und die Zahl der im Zwischenhandel und Darlehnsgeschäst tätigen jüdischen Personen der Richtigstellung. Rach der Volkszählung von 1900 lebten in Galizien 811183 Juden — 11,09 o/o der Gesamtbevölkerung, darunter berufstätige im engereu Sinne 213 723. Hiervon waren im Warenhandel nur 69 398 und im Geldhandel und Versicherungsgeschäst 1379 im engeren und eigentlichen Sinne berufstätig, d. h. von 100 berufstätigen Juden beschäftigten sich 28,1 mit Warenhandel und 0,56 mit Geldhandel und Versicherungsgeschäst. Greift man nur die Selbständigen heraus, die in erster Linie in Frage kommen, so sinkt die Ziffer noch mehr herab. Die Zahl der selbständigen Juden im Warenhandel belief sich auf nur 17056, im Geldhandel und Versicherungsgeschäst ans nur 291. Ein Blick auf die Beruf sstatistik hatte dem Verfasser demnach sagen müssen, daß gar