Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 18 (1912)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1912)
- Article
- Eine neue Schrift über das Judentum
- Date
- 1912-01-01
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316817-2316818-2345596--22243-2345653- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Eine neue Schrift über das Judentum. 11 Menschen, wie insbesondere auch für religiöse Empfindungen wenig Sinn und noch weniger Verständnis hat. Dazu gesellt sich dann noch jenes heutigen Tages weit verbreitete Verhalten den Juden wie dem Judentum gegenüber, das die Bezeichnung antisemitisch zwar entschieden ab lehnt, beide aber nur von oben herab betrachtet, als etwas, das bedauerlicherweise nun einmal da ist, das man als gebildeter Mann höflich behandelt, hinter dem man aber nicht viel sucht und von dem man nicht viel erwartet. . Ganz anders ist der Weg, aus dem Or. Weigl, seines Berufes ein Arzt, zu seinem Buche über „Das Judentum" gelangt ist. Gr ging aus von einer Betrachtung der Leiden der Juden, der Verfolgungen und Quälereien in früherer Zeit, wie der gesellschaftlichen Zurücksetzung in der heutig en. D en Grund dafür fand er nicht in den Juden, sondern in den niedrigen Instinkten der Menschennatur, die sich stets da betätigen, wo sie es leicht tun können, an den Geringen und Schwachen. Gr findet sie auch in unserer Zeit noch tätig, und kämpft aus den Empfindungen eines menschenfreundlichen Gemütes gegen sie an. „Vergessen wir doch nicht", sagt er, „über allen äußern Erfolgen unserer Zivllisation die inneren Güter der Kultur zu heben und für unsere Gesellschaftsgestaltung nach dem alten Mahnwort zu wirken: In allem bleibet bei der Liebe! „Sei es von den Jüngern Ärons, den Frieden liebend und nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführend zur Lehre des Ewigen!" Diese ethische Forderung Hillels, eines der größten jüdischen Weisen, gilt jedem von uns." Dieser Empfindung folgend, suchte er die Juden kennen zu lernen, und sagt darüber: „Ich habe die Juden beobachtet lange Jahre, ohne Vorurteil und Vorliebe, in kühler Reserve — der Mensch den Menschen. Ich habe sie kennen gelernt in manchem , Land, unter verschiedenen Verhältnissen, in den mannigfachen Lebenslagen; im Gewühl von Weltstädten, bei dem aufreibenden Ringen nach Erwerb rastlos vom frühen Morgen bis zur späten Nachtstunde tätig; arme Hausierer und reiche Großkaufleute, Fabrikarbeiter und Bureaubeamte; in stillen, weltfernen Dörfern, an die kaum der Pulsschlag hes starken Lebens unserer Zeit dringt, wo sie in friedlichem Dasein als tüchtige Handwerker fleißig sich mühen oder die Scholle bearbeiten; auf Auswandererschiffen, die sie fern den zerstörten Wohnstätten mit armseligen Resten einstigen Besitzes über den Ozean trugen, einer neuen Zukunft entgegen, mit der Bangigkeit des Erlebten im Herzen und doch neuer, fester Hoffnung: also im Glück des ungestörten, trauten Familienlebens und im schweren Leid zertrümmerter Existenzen." . . . „Ich bin auch Entarteten begegnet, die des Judentums und der menschlichen