Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-12-01
- Page
- 675 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 675 regierung kann man den Vorwurf nicht ersparen, daß sie vielfach, statt über den Parteien zu stehen und sie zur Wohlfahrt der Gesamtheit zu leiten, sich von Parteien leiten ließ, von denen sie irrtümlich anzunehmen scheint, daß sie die eigentlichen Stützen von Thron und Altar seien, und daß sie freiheitlichen Bestrebungen mit Mißtrauen entgegenstand. Nach den Ergebnissen verschiedener Ersatzwahlen war vorauszusehen, daß infolge der zunehmenden Unzufriedenheit in weiten Bevölkerungsschichten die bevorstehenden Reichstagswahlen die bisherige parlamentarische Mehrheit wesentlich herabmindern würden, wenn nicht eine durch kriegerische Ereignisse hervorgerufene Volksbegeisterung der Reaküon die Pfade ebnen würde. Die alldeutschen Reifer des schwarz-blauen Blocks wurden aber bald von der Regierung belehrt, daß diese bei den hochfliegenden Plänen der Chauvinisten nicht hinter ihnen stehe. Ein Erlaß an die Regierungspräsidenten schien zwar den Konservativen einen Einfluß der Landräte zugunsten ihrer Wünsche für die Reichstagswahlen zu sichern, aber das. Organ des Bundes der Landwirte, die „Deutsche Tageszeitung", erklärte rund heraus, daß es Pflicht der Regierung sei, in dieser Richtung viel weiter zu gehen. Den Agrariern wäre es natürlich sehr wünschenswert, daß jauch bei den Wahlen regierungsseitig etwas für die stark bedrohten Mandate ihrer antisemitischen Knappen geschähe, deren anarchistischer Charakter ihnen gleichgültig ist, weil selbst die radikalen Antisemiten den Konservativen den Steigbügel halten, wenn man ihnen nur die Freiheit läßt, über die Juden herzusallen und die bürgerlichen Kreise mit Unzufriedenheit zu-erfüllen und für ihre Parteizwecke weidlich zu benutzen. Die Regierung hat aber schon früher, als der Ordnung und Gesetz bedrohende Charakter der antisemitischen Bewegung noch nicht so deutlich erkennbar war wie jetzt, Bedenken getragen, antisemitische Wahlen durch Landräte fördern zu lassen. Als im Dezember 1892 der Landrat von Bornstedt den Wahlaufruf für Ahlwardt unterzeichnet und für dessen Wahl den amtlichen Apparat in Bewegung gesetzt hatte, hielt es der damalige Minister des Innern, Graf Eulenburg, für seine Wicht, ihm deshalb