Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 11 (November 1911)
- Article
- Die Juden und das Wirtschaftsleben
- Date
- 1911-11-01
- Page
- 619 (sequence 12)
- Language
- German
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Der Kapitalismus mtb das Judentum. 619 Dienern (Ps. 24,4). Zu ihm betet der biblische Sänger: „Ein reines Herz schaffe in mir, o Gott, und einen festen Geist erneuere in meinem Innern" (Ps. 51,12), zu ihm fleht das rabbinische Gebet: „Reinige unser Herz, Dir zu dienen in Wahrheit" (Sabbatgebet) oder „Mache fest unser Herz, zu lieben und zu verehren Deinen Namen" (tagt. Andacht). Denn Gott will das Herz, lehrt der ritenstrenge Talmud (Sanh. 106 a), der an einer anderen Stelle (Ta. 26) das feine Wort bietet: „Ob einer viel, ein anderer wenig leistet, das Wesentliche ist: Er richte sein Herz auf seinen Vater, der da ist im Himmel." Diese Betonung der Gesinnung verträgt sich wohl mit dem Standpunkte der Gesetzestreue, sagt doch auch Goethe: „Vergebens werden ungebundene Geister Nach der Vollendung reiner Hohe streben, Wer Großes will, muß sich zusammenrafsen, In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben." * * Gut, aber hat Sombart nicht den Nagel auf den Kopf getroffen, wenn er die Lebensbejahung des Judentums, seine Freude am Besitz, seine Verherrlichung des Reichtums, kurz seinen ausgesprochenen Diesseitscharakter ins Treffen führt, um die Wesensgemeinschaft von Judentum und Kapitalismus zu erhärten? Ich meine, Sombart bietet auch hier nur Halbwahrheiten. Richtig ist, daß dem Judentum die Erde kein Jammertal ist, daß es nicht Weltflucht predigt und nicht die Armut und die Entsagung als solche verherrlicht. Daß aber der Besitz nicht nur Rechte hat, sondern Pflichten, daß es Grenzen im Besitzstreben kennt und seine alte biblische Sozialgesetzgebung mit ihrem Zinsverbot, mit ihrer Beschränkung des Pfandrechtes, mit ihrer Aufhebung des Besitzrechtes an Grund und Boden, mit ihren mannigfachen Abgaben an die Armen eine ausgesprochen antikapitalistische Tendenz hat, darf nicht übersehen werden. Ebensowenig sollte vergessen werden, das soziale Wirken der Propheten in die Debatte zu ziehen. Man lese Amos Kap. 6, diese geharnischte Rede wider die Genußsucht der Reichen und