Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1911-10-01
- Page
- 561 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 561 diesem Gedanken unverkennbar entfremdet worden. Verzichten sie nun noch, als die Patrone der alldeutschen Wodansanbeter, auf die streng kirchliche Lehre vom „christlichen Staat", die der „Reichsbote" auf Reste alttestamentlicher Anschauungen Stahls zurückzuführen sucht, dann wäre das Tivoli- Programm der Konservativen nur noch ein wertloses Blatt Papier. Als die Erbitterung über die konservativ agrarische Jnteressenpolitik die „Kreuzzeitung" eingeschüchtert hatte, ist selbst das Junkerblatt für eine Aeuderung dieses Pro gram ins eingetreten und hat die Entfernung des annsemitischeu Passus empfohlen. Inzwischen ist die „Kreuzzeitung" anderer Meinung geworden, vielleicht weil der von alldeutscher und antisemitischer Seite erhobene Kriegslärm in ihr die Hoffnung wachgerufen hat, den weiteren Niedergang ihrer Partei durch auswärtige Verwicklungen gehemmt zu sehen. Ihre Hintermänner denken wahrscheinlich, den von dem schwarzblauen Block gründlich verfahrenen Karren der inneren Politik durch Entfachung flammender Begeisterung für die Vaterlandsverteidigung aus der Sackgasse herauszubringen. Daß dabei die „Kreuzzeitung" die Sedanfeier zu einem Angriff gegen die angebliche „jüdische Internationale" benutzt und nicht nur die Sozialdemokratie als unter jüdischer Führung stehend darstellt, sondern gleichzeitig die fortschrittlichen Wähler freundlichst auffordert, ihrem „j ü d i s ch e n Führer" zum „Großblock" bei den nächsten Wahlen die Gefolgschaft zu versagen, beweist nur, daß die konservativen Politiker, wenn sie mit ihrem Latein zu Ende sind, nichts Besseres wissen, als mit der Fiktion von dem angeblich mächtigen Einfluß der Juden urteilslose Leute zu erschrecken. Das Judentum ist ebenso wie der Katholizismus und der Protestantismus nur als Religion international; das Mitgefühl für die Leiden ausländischer Glaubensgenossen tut der Vaterlandsliebe weder bei Juden noch bei Christen Abbruch. In der Betätigung vaterländischer Gesinnung stehen die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens hinter ihren andersgläubigen Mitbürgern nicht zurück, wenn es die Betätigung nationaler Gesinnung gilt. Wenn die „Kreuzzeitung" aus Angst vor stetem Niedergange ihrer Partei