Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1911)
- Article
- Der Reichskanzler über die Zurückweisung jüdischer Medizinalpraktikanten
- Date
- 1911-10-01
- Page
- 560 (sequence 3)
- Language
- German
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560 Im deutschen Reich. antwortet: Es gibt ja so viele Krankenanstalten; da werden schließlich auch die jüdischen Mediziner eine Unterkunft finden. Der Bescheid des Reichskanzlers geht also über die einmütigen Wünsche der Aerztekammern, die zugleich die der jüdischen A-erzte sind, zur Tagesordnung über. Mit Recht sagt die „Berliner Aerzte-Korrespondenz", daß es nun Sache des Reichstages sei, den Reichskanzler vor: der Notwendigkeit eines Erlasses zu überzeugen, der ähnlichen Vorfällen wie in Britz und Lübeck verbeugt. Umschau. er schwebende „Marokko-Konflikt" hat ein streng konser- ***** vatives Blatt, den „Reichsboten", dazu veranlaßt, die von dem getauften Juden Stahl der konservativen Partei als Grundlage gegebene Theorie vom „christlichen Staat" einer Prüfung zu unterziehen. Das Ergebnis weicht weit von den anerkennenden Urteilen ab, die anläßlich des 50. Todestages Friedrich Julius Stahls von den übrigen konservativen Blättern kundgegeben wurden. Der Verfasser des „Reichsboten"-Ärtikels über den „christlichen Staat" geht davon aus, daß ein leitender Staatsmann in seinen Verhandlungen mit fremden Ländern kaum „christliche Grundsätze" betätigen kann, weil er in seinem Handeln zumeist von dem Verhalten der anderen Staaten abhängig ist. Eine zu enge Verquickung von Politik und Religion, von Staat und Kirche sei vom Uebel. Dieser Verstoß eines einflußreichen konservativen Organs gegen die fundamentalste Lehre der konservativen Weltanschauung ist um so bemerkenswerter, als die Lage der konservativen Partei im Hinblick auf die bevorstehenden Aerchstagswahlen sich durch Erörterungen solcher Prinzipienfragen noch ungünstiger als zuvor gestalten kann. Die Kreise, die sich bisher stets so gern als die Stützen von Thron und Altar, als die Erbpächter des monarchischen Gedankens aufgespielt haben, sind durch ihre agrarischen und antisemitischen Anhängsel