Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1911)
- Article
- Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung [Rezension]
- Date
- 1911-07-01
- Page
- 458 (sequence 2)
- Language
- German
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458 Im deutschen Reich. von Leuten spuken konnten, die sich gebildet, die sich gar mit Stolz Christen nannten. Welche Gefahren insonderheit der Rechtspflege von solcher gewissenlosen Auspeitschung des Bolksempfindens noch heutigen Tages drohen, lehrt uns Friedländers geschichtlich treue Darstellung der Konitzer Vorgänge, die um so tiefer wirkt, als sie sich von jeder sensationellen Parteitendenz freihalt. Wir werden diesen Teil des Friedlünderschen Buches als einen wertvollen Beitrag zu der leider noch immer erst zu schreibenden Geschichte der antisemitischen Bewegung unserer Tage schätzen dürfen, und wir Juristen insbesondere als einen ungewöhnlich lehrreichen zu der wichtigen Lehre von der Psychologie per Zeugenaussage. Der Zeuge, der in borniertem Fanatismus der vermeintlich guten Sache zu dienen glaubt, wenn er mit dreister Stirn seinen Meineid schwört, und der noch weit gefährlichere Zeuge, der sich in unbewußter Verblendung Dinge einredet, die er nicht gesehen und nicht gehört haben kann, sie alle und andere wohlbekannte mehr: der Zeuge mit dem von Vernehmung zu Vernehmung wachsenden Erinnerungsvermögen, der auf die Jndizienjagd versessene Zeuge — all diese gefährlichen Wahrheitsfeinde treten uns in diesen Prozessen in mustergültiger Ausprägung vor die Augen, zu eindringlicher Warnung vor jener selbstgefälligen Selbsttäuschung, daß die Greuel mittelalterlicher Hexen- und Judenverfolgungen für uns, die toir es ja so herrlich weit gebracht, nur noch eine verklungene Schauermär aus längst vergangenen Tagen seien. — Neben den Betörten die Betörer. Wenn wir jenen, der unwissenden, verblendeten Menge, unser Mitleid nicht ganz versagen biirfen — welche Empfindung ist diesen, den berufsmäßigen Hetzern, gegenüber am Platz, wie wir sie in Könitz bald in dieser, bald in jener Gestalt behaglich und gewissenlos in den trüben Fluten der von ihnen selbst entfesselten Volksleidenschaft fischen sehen? Doch — so könnte man mit dem Dichter fragen: Wozu begralünes Leid lebendig singen Und gegen Tote Haß dem Herzen bringen? Aber es ist gut und nützlich, von Zeit zu Zeit die Erinnerung an erlebte Schmach wieder aufzufrischen. Vielleicht beugt man dadurch ihrer allzu frühen Erneuerung vor. Vielleicht. — Dürfen wir gar sagen: hoffentlich?" L. II.