Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1911)
- Article
- Interessante Kriminalprozesse von kulturhistorischer Bedeutung [Rezension]
- Date
- 1911-07-01
- Page
- 457 (sequence 1)
- Language
- German
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Bücherschau. 457 Interessante Nriininalxrozesse von kulturhrstorischer Bedeutung von Hugo Friedl ander, Gerichts- Berichterstatter. Eingeleitet von Justizrat Dr. Erich Seil o. Dritter Band. Preis brosch. 3 M., geb. 4 M. Dieser Band des schon früher von uns empfohlenen Werkes enthält die Darstellung der an die Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter in Könitz anschließenden Prozesse. Demjenigen, der sich über dieses traurige Kapitel menschlicher Verhetzung unterrichten will, wird das Friedländersche Buch vorzügliche Dienste leisten. Die Darstellung ist prägnant und bis auf alle bemerkenswerten Einzelheiten korrekt. Aus dem Vorworte des bekannten Berliner Verteidigers Justizrat Dr. Sello, der nebenbei bemerkt weder selbst Jude ist, noch von Juden abstammt, heben wir folgendes als besonders interessant hervor: „Sehen wir schon im Falle Tarnowska jene unheimliche Macht am Werke, die wir Suggestion nennen, jene Macht, die den Willen des Menschen zum unfreien Werkzeug eines fremden Willens herabwürdigt, und in deren Erkenntnis wir heut einen Schlüssel zur Deutung so mancher rätselvollen Erscheinung des menschlichen Seelenlebens zu besitzen glauben, so tritt uns der unheilvolle Einfluß solcher seelischen Ansteckung als ein Phänomen der Massenpshchologie in den berüchtigten Judenhetzprozessen aus dem letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts vollends greifbar vor Augen. In der anschaulichen Darstellung dieser Vorgänge erblicke ich das Hauptverdienst des vorliegenden Bandes. Daß noch immer dicht unter der dünnen Decke unserer gerühmten Kultur die uralten Menschenfeinde, die Dämonen des Aberglaubens, des Rassenhasses, des Neides und der Habgier nur auf die Gelegenheit lauern, ihre schwachen Fesseln zu sprengen und die Menschen in wahnwitziger Betörung aufeinander zu hetzen — wo könnten wir dessen mit erschreckenderer Deutlichkeit inne werden, als in der beschämenden Erinnerung an jene von uns selbst miterlebte Bolksseuche, die in dem Kulturleben unserer Zeit einen der dunkelsten Flecke bedeutet? Unser Herz krampst sich zusammen, wenn wir der aberwitzigen Ausgeburten der Antivernunft unb Antimoral gedenken müssen, die noch vor wenigen Jahrzehnten in den Hirnen und Herzen