Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1911)
- Article
- Ein offener Brief
- Date
- 1911-07-01
- Page
- 402 (sequence 2)
- Language
- German
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402 Im deutschen Reich. Darum müssen wir Mütter mit der Erziehung bei uns selbst beginnen, besonders -aber wir jüdischen Mütter. Gerade wir dürfen nicht vergessen, daß wir uns in einer Ausnahmestellung befinden. Unsere Erziehung darf sich nicht darauf beschränken, den Kindern positive Lebenswerte mitzugeben. Wir müssen uns daneben allezeit erinnern, daß wir Angriffe abzuwehren haben und müssen daher sorgen, dem Angriff möglichst wenig Fläche zu bieten. Es gilt, nicht nur gegen Ungerechtigkeit und unverdiente Zurücksetzung anzukämpfen, sondern auch dieser Ungerechtigkeit und Zurücksetzung nicht den leisesten Schein der Berechtigung zu lassen. Wie viele aber sind.unter uns jüdischen Müttern, die ein Leben des Scheins führen. Sie behängen sich mit Seide und Spitzen und glänzen von Gold und Juwelen. Sie ersehnen nichts heißer als die Augen der Welt auf sich zu ziehen. Sie bemühen sich krampshaft darum, eine gesellschaftliche Rolle zu spielen, und sind glücklich, wenn es ihnen gelingt, recht viele Leute von Vermögen, Einfluß und Ansehen bei sich zu sehen. Ueberglücklich sind sie, wenn es Angehörige anderer Bekenntnisse sind. Das nimmt man uns und mit Recht übel. Erklärlich ist's ja: es ist eine Kinderkrankheit. Noch nicht gar solange ist's her, daß man uns Juden aus dem Ghetto befreit und uns auf dem Papier die Gleichheit vor dem Gesetz gegeben hat. So ist's nur natürlich, daß manche von uns noch nicht gelernt haben, zur äußeren auch jene innere Freiheit zu erringen, die über die Eigenwürde zur Selbstachtung und zur Unabhängigkeit von dem Urteil und der Stellungnahme anderer führt. Darum behängen sich manche unserer Frauen mit Tand und Flitterwerk. Sie wollen glänzen, sie wollen etwas scheinen, da sie noch nicht gelernt haben, etwas zu sein. Das aber müssen wir lernen. Die wahre Würde ist bescheiden und anspruchslos, und wer einen Eigenwert hat, der wird nicht ängstlich darauf bedacht sein müssen, daß diesem Wert ein äußeres Relief gegeben werde, daß er sozusagen erst dadurch die Feuertaufe empfange, daß auch andere ihm seinen Eigenwert zugestehen und bescheinigen. . Was soll das besondere Verlangen nach der Anerkennung oder Freundschaft anderer nur darum, weil jene „anderen" anderen Glaubens sind?