Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1911)
- Article
- Antisemitismus in der Schule
- Date
- 1911-06-01
- Page
- 324 (sequence 2)
- Language
- German
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324 Im btutffytn Reich. Ein krasser Fall eines derartigen Ausschlusses der jüdischen Schüler von einem Turnverein hat uns in letzter Zeit beschäftigt. Wir nehmen davon Abstand, Namen und Ort zu nennen, da wir annehmen dürfen, daß in diesem Falle Abhilfe geschaffen ist und es uns fernliegt, durch persönliche Angriffe die Situation verschärfen zu wollen. Wir kämpfen für das Prinzip. Seit Jahren waren uns Klagen von Eltern darüber zugegangen, daß in einem Schüler-Turnverein an einem norddeutschen Gymnasium keine jüdischen Schüler ausgenommen würden. Da sich jedoch keiner von diesen zur Aufnahme mehr meldete, war ein Eingreifen nicht möglich. Erst als eine solche Meldung vorlag und der betreffende jüdische Schüler mit der ausdrücklichen Begründung abgelehnt wurde, daß zwar gegen ihn persönlich nichts einzuwenden sei, daß aber der Verein nach seiner Tradition und dem Wunsche der „alten Herren" prinzipiell keine jüdischen Schüler aufnehme, gaben wir zahlreichen sich an uns wendenden Eltern den Rat, eine Eingabe an den Direktor der Anstalt zu machen. Dieser hatte auf eine Beschwerde des abgelehnten Schülers den Verein auf einige Wochen suspendiert, dann aber wieder wie früher zusammentreten lassen. In der Eingabe der Eltern war u. a. gesagt: „Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Bestehen eines Vereins mit derartigen Tendenzen, einer solchen Tradition und Beziehungen und Beeinflussungen von seiten der „alten Herren" in hohem Grade schädlich auf die jungen Gemüter einwirken muß, auch wohl mit der Schuldisziplin unvereinbar sein dürfte und in schroffem Gegensatz zu der Veredelung des Charakters steht, die durch das Studium des klassischen Altertums ltnb die von uns allen hochgehaltene humanistische Bildung erzielt werden soll. Der Frieden auf der Schule muß untergraben werden, eine Entfremdung unte r d en Schülern die Folge sein. Bei den einen wird ein pathologisch gesteigertes Selbstbewußtfein, Klassen- und Rassendünkel wachgerufen werden, bei den andern, die sich zu Menschen zweiter Klasse erklärt sehen, Erbitterung entstehen, und schließlich der Heuchelei Vorschub geleistet werden, indem diejenigen, die ihren Glauben wechseln, für wert gehalten werden, Aufnahme in dem Verein zu finden.