Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- [Ohne Titel] / Schneider, M.
- Date
- 1911-03-01
- Page
- 153 (sequence 9)
- Language
- German
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VereinsnachrichLen. des Vorsitzenden, Herrn Justizrat Dr. Horwitz, erhielt Herr Land Lagsabgeordneter Professor Dr. Günther aus München das Wort zu einem Bortrage über „U n s e r e poli t i s ch e n Parteien in ihrer Stellung zum I u d e n t um", den er mit einer Darlegung der geschichtlichen Entwicklung der antisemitischen Bewegung einleitete. Der Redner hob hervor, daß bei dieser Bewegung der Antisemitismus zunächst nicht Selbstzweck war, sondern die Konservatisierung der Verwaltung der Reichshauptstadt zum Ziele hatte. Das war ein Wunsch gewisser Kreise, der bekanntlich nicht in Erfüllung gegangen ist. Die Staatsleitung sympathisierte mit dieser Bewegung nicht, aber sie ließ sie groß werden, weil sie ihr als ein Sturmbock gegen den Liberalismus galt. Den Reichsinstanzen wäre es damals eine Kleinigkeit gewesen, die ganze Bewegung zu dämmen; daß sie es nicht taten, wird immer ein Gegenstand des Tadels bleiben. Drei Motive sind bei dieser Bewegung maßgebend gewesen: das religiöse, das soziale und das nationale. Vom Standpunkt des echten Christentums kann mau sich doch nichts Verwerflicheres denken als eine Hetze gegen Andersgläubige. Es ist ein tiefbetrübliches Zeichen der Zeit, daß der Staat sich den religiösen Antisemitismus -Stöckers angeeignet hat, wonach der Antisemitismus am Taufbecken endigt. Der Uebertritt mit oder ohne Ueberzeugung ist dadurch zu einen: Mittel geworden, Beförderung zu erstreben und zu erlangen. Den sozialen Antisemitismus bezeichnete der Redner als noch weniger berechtigt, weil man den Juden doch nicht ihre Beschränkung auf den Stand der Aerzte, Rechtsanwälte und Kaufleute zum Vorwurf machen könne, nachdem sie vor Jahrhunderten zuerst als Handwerker und Künstler nach) Deutschland gekommen waren und man ihnen im Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert alle anderen Erwerbszweige verschlossen hatte. Als eine ebenso große Ungerechtigkeit bezeichnete der Vortragende den nationalen Antisemitismus, der den Juden, die in Krieg und Frieden sich als pflichttreue deutsche Bürger bewährten, die deutschnationale' Gesinnung abfpreche, während man den Nachkommen der französischen Emigranten es in keiner Weise Nachträge, daß sie durch Typus, Namen und besondere Gemeindeeinrichtungen ihre Eigenart sich bewahrt hätten; ihnen