Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 17 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Reminiszenzen eines alten Göttinger Korpsstudenten
- Date
- 1911-03-01
- Page
- 124 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316804-2316808-2344313--21290-2344384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 Im deutschen Reich. absoluten Seltenheiten. Erschallte aber doch einmal der Ruf „Hep, Hep", so wurde mit starker Faust Halt geboten. Als ich das Gymnasium meiner Vaterstadt bezog, waren außer mir noch vier jüdische Knaben Besucher dieser Anstalt, die sich gleich mir unter ihren christlichen Mitschülern gleichberechtigt und sehr wohl fühlten. Nach Tertia begleitete mich nur einer dieser vier Knaben. Bon Sekunda ab war ich und blieb ich allein von meinen Glaubensgenossen. Meine Lehrer behandelten mich stets wohlwollend, mit einer einzigen Ausnahme. Dieser eine konnte es wahrscheinlich nicht vergessen, daß er, der Sohn armer Eltern, mit Unterstützung meines Großvaters die Universität hatte besuchen .können. Mit meinen Mitschülern lebte ich während meiner ganzen Schulzeit in ungetrübter Harmonie. Während des christlichen Religionsunterrichts hatte ich bei dem gelehrten Rabbiner der kleinen Gemeinde Unterricht und studierte unter seiner Führung Talmud und Schulchan Aruch. Bis zum Abiturium habe ich in Gemeinschaft meines Vaters jeden Morgen die Gebetriemen angelegt und des Mittags das Tischgebet abwechselnd mit meinem Vater gesagt. Als ich in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aas Abiturientenexamen bestanden, wurde bei der feierlichen Entlassung erwähnt, daß ich trotz mehr als hundertjährigen Bestehens des Gymnasiums der erste Jude sei, der mit dein Zeugnis der Reife entlassen werden konnte. Fast alle meine Schulgenossen, die mir zu intimen Freunden geworden waren, ganz gleich welcher Fakultät sie ungestörten, waren auf der Universität Korpsstudenten geworden, auch die Söhne wenig bemittelter Eltern. Da verstand es sich für mich von selbst, daß auch ich bei einem Korps eintrat. Ich dachte gar nicht mit einer Silbe daran, daß meine Zugehörigkeit zum Judentum einen Hinderungsgrund zum Eintritt bieten könnte: so wenig fühlte man sich damals abseits stehend. Ich wurde mit Freuden ausgenommen und trat bald in eine mitführende Stellung. Die Korps waren damals numerisch sehr stark und die immerhin wenigen jüdischen Mitglieder erfreuten sich bei den verschiedenen Korps des besten Ansehens.