Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
17 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1911-01-01
Page
31 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316804-2316806--21130-2344265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 31 genösse Ahlwardt besaß. Jeder Reichstagswahlkreis hat den 'Vertreter, der seinem Geschmack entspricht, und über Geschmacksfragen läßt sich bekanntlich nicht streiten. Für die antisemitische Sache sind Koryphäen wie die Herren Bruhn, Ahlwardt, Pückler, Krösell und Schack bisher geradezu verhängnisvoll gewesen^ Vor einiger Zeit veröffentlichte die „Staatsbürger-Zeitung" einen Brief, dessen Inhalt sich mit der Frage beschäftigte: „Ist der Antisemitismus noch berechtigt?" Darin befand sich der folgende Satz, den zu beherzigen gerade diese Partei allen Grund hätte: „Aufklärung über die eigenen Wesensanlagen bringt aber zugleich die Erkenntnis mit sich, daß viele „S ta a tsbür g er" sich im schroffen Gegensatz — in sittlicher un d mo r alis ch er H insicht — zu dem Staate befinden, dem sie Bürgerrechte verdanken." Selbst Antisemiten vom reinsten Wasser müssen von der Richtigkeit dieses Satzes überzeugt fein, sonst hätte der Herausgeber des rabiatesten Antisemitenblattes, Th. Fritsch, im ersten Dezemberheft des „Hammer" nicht geschrieben: „Ob der Abgeordnete Wilhelm Bruhn durch feine formale Freisprechung von der Anklage der Erpressung tatsächlich als Ehrenmann erhobenen Hauptes dasteht, bleibe dahingestellt. Die Sache war jedenfalls bedenklich. Es entspricht nicht dem d e u t s ch e n Ge s ch m a ck, moralische Verbrechen und Verirrungen anderer zum Gegenstände von Sensationsartikeln zu machen." Dagegen, daß solche Antisemiten Sitz und Stimme in der Volksvertretung erlangen, muß man als vaterlandsliebender deutscher Staatsbürger Protest einlegen, aber nicht minder und vielleicht noch weit mehr dagegen arbeiten, daß in der gesetzgebenden Versammlung die Zahl solcher Politiker vermehrt wird, die den Antisemitismus verblümt betreiben, den deutschen Juden ihr Anrecht auf das deutsche Vaterland streitig machen und es schon dahin gebracht haben, daß auf dem Umwege der Verwaltung die durch Verfassung und Gesetz verbriefte Gleichberechtigung fast nur noch auf dem Papier steht. Als vor vielen Jahren der erste Jude in der österreichischen Volksvertretung einen Platz auf der Linken einnahm und dies ihm sofort vorgeworfen wurde, antwortete er schlagfertig: „Dahin gehören wir, solange wir keine Re ch t e haben!" A. L.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.