Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Der Prozeß gegen die "Wahrheit"
- Date
- 1910-12-01
- Page
- 795 (sequence 2)
- Language
- German
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795 Der Prozeß gegen die „Wahrheit". zi: geben, mit einem Schimmer von Berechtigung die gegen iljit gerichteten Anklagen auf das „denunziatorische Treiben des Eentral-Bereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zurückzuführen. Er ist der Mann dazu, aus allem Kapital zu schlagen, und hat auch bei diesem Prozeß gezeigt, daß er kein bloßer Parteifanatiker, sondern ein Mann ist, dem alle Vorteile gelten. Dem von seinem Verteidiger vorgeschlagenen Sachverständigen, Dr. L i m a n, galt er als ein nationalgesinnter Politiker, dem Journalisten Döring sogar als der Herausgeber eines regierungsfreundlichen Blattes, dem beide selbst anti-monarchische Aeußerungen nicht anrechnen 511 dürfen glaubten. Andererseits aber ging aus dem Gang der Verhandlung deutlich hervor, daß Bruhn stets seinen Antisemitismus in die Tasche gesteckt hat, sobald er von dem Umgang mit Juden, gleichviel welcher Gattung, Annehmlichkeiten oder Vorteile erwartete. Bon seinem Organ, „Die Wahrheit", sagten die „Münchener Neuesten Nachrichten": „Während vorn im Text neben dem schwungvollen patriotischen Leitartikel die Pikanterien eines Lebemannes und die Angriffe gegen die Besitzer von Warenhäusern paradieren, finden wir hinten die Inserate, die „mit dem Brecheisen' herausgeholt" waren, wie sich der eine Zeuge ausgedrückt hat, oder die als „Versicherung gegen Brandschaden"' dienten, mie ein anderer Zeuge meinte." Ein Juden sprößling als Sachverständiger war ihm willkommen und nützlich: er hat es auch, wenn nicht empfohlen^ so doch nicht verhindert, daß seine Mitangeklagten von Juden verteidigt wurden. Als ihm in der Verhandlung der Vorsitzende bei Besprechung eines Streites mit dem Kellner eines bekannten Cafes vorhielt: „Weshalbverkehrten Sie denn aber als Antisemit in einen: so jüdischen Lokal?" erwiderte Bruhn: „Das ist in Berlin nicht zu trennen!" Auch bei anderen Phasen des Prozesses gab Bruhn auf vorwurfsvolle Aeußerungen des Vorsitzenden so zynische Antworten, daß die „Staatsbürger-Zeitung" es für rätlich gehalten hat, in ihren ausführlichen Berichten nur die schneidige Replik, aber nicht den vorausgegangenen Borwurf abzudrucken. Herrn Bruhn scheint der Zynismnus seiner Selbstverteidigung bei seinen Richtern so wenig geschadet zu haben, wie sein offenes Bekenntnis, daß er in „geschäftlichem" Interesse Inserate von Pirmen ausgenommen habe, die er bis dahin aus