Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1910)
- Article
- Was erschwert unsere Arbeit?
- Date
- 1910-12-01
- Page
- 772 (sequence 2)
- Language
- German
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772 Im deutschen Reich. Religion beschimpften und gegen uns hetzten, sind doch dank dem energischen Vorgehen des Central-Vereins vorsichtiger geworden, denn sie haben zu ihrem Schaden erkannt, daß wir nicht mehr die geduldigen Ghettojuden sind, sondern vom Staate denselben Schutz fordern und — wenn auch o)t widerwillig — meistens finden, wie die christlichen Staatsbürger. Hat also der Central-Verein schon viel Gutes geschaffen und viel Böses verhütet, jo wird dennoch niemand bestreiten können, daß wir von unserem Endziele, der wirklichen staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung noch weit entfernt sind. Woran liegt das? Warum kommen wir nicht schneller vorwärts? Daß wir unser gutes Recht sehr bald zur tatsächlichen Anerkennung bringen würden, wenn wir in der Volksmasse aller Staatsbürger eine Stütze fänden, ist unverkennbar. Alle jene Kunststückchen und Spiegelfechtereien, mit welchen maßgebende Personen immer wieder vor der Öffentlichkeit das zu rechtfertigen versuchen, was nach dem klaren Wortlaute und dem Sinne der Gesetze nicht zu rechtfertigen ist, kurz gesagt: jede Verwaltungsprellerei würde aushören, wenn ein Spottgelächter der Volks Massen die Antwort wäre, wenn die Ueberzeugung von dem Unrecht und der Schädlichkeit solchen Vorgehens in der Allgemeinheit ebenso fest gegründet wäre, wie etwa die Ansicht über das Unsinnige eines Versuches, die Hexenprozesse wieder aufleben zu lassen. Es kommt also alles darauf an, unseren Anschauungen überall die weiteste Verbreitung zu verschaffen. Das erfordert eine ungeheure Arbeit und Ausdauer, das kann nur durch eine nie ruhende Agitation zahlreicher Kräfte erreicht werden und kostet natürlich auch viel Geld. Sehen wir die Sache so an, dann werden wir die scheinbar imponierend große Zahl unserer Mitglieder ganz anders werten müssen. Denn was bedeuten bei einem Kampfe um unsere Menschenrechte 27000 Mitglieder, wenn mehrere Hunderttausend selbständige Juden in Deutschland wohnen? Und was leisten jene 27 000 für unsere Sache? Eine kleine Gruppe arbeitet und müht sich nach Lester Kraft: sie reden und schreiben, halten Vorträge, werben und agitieren, wo immer es geht. Was aber Lut die überwiegend große