Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 11 (November 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-11-01
- Page
- 732 (sequence 2)
- Language
- German
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732 Im deutschen Reich. langten zu der Erkenntnis, daß sie sich zu ihrem eigenen Nachteil von den antisemitischen Knappen der Reaktion verleiten ließen, ihre parlamentarische Vertretung Männern anzuvertrauen, deren Standesinteressen mit den Errungenschaften des Völkerfrühlings, zu denen auch die Judenemanzipation gehört, unvereinbar sind. Unter solchen Verhältnissen ist es natürlich, daß man allgemein den nächsten AeichsLagswahlen mit ungewöhnlicher Spannung entgegensieht, und sich schon jetzt mit dem Gedanken vertraut macht, daß diese Wahlen überraschend früh anberaumt werden. Die Vorarbeiten dürfen aus diesem Grunde nicht verzögert werden. Da der schwarz-blaue Block der Regierung keine genügende Bürgschaft für künftige Erfolge zu bieten imstande ist, hat sie sich der nationalliberalen Partei zu nähern gesucht; diese ist aber für ein Zusammengehen mit dem katholischen Zentrum schwer zu gewinnen und flößt auch dieser Partei großes Mißtrauen ein. Die konservativen Fraktionen möchten die Stimmen der Nationalliberalen nur dann gewinnen, wenn sich dies ohne große Opfer erreichen ließe. Auch die jüdischen Stimmen und die jüdische Opferfreudigkeit wären den Konservativen nicht unwillkommen, falls die Juden sich mit der Zusicherung begnügen, daß die Konservativen in Zukunft nur einem von dckr „Kreuzzeitung" in Aussicht gestellten gemäßigten Antisemitismus huldigen werden. Urplötzlich war die „Kreuzzeitung", die früher an den Juden kein gutes Haar ließ, zu der Erkenntnis gelangt, „daß sich im Judentum viel positiv Gutes und Anerkennenswertes entwickelt habe, daß staatstreue Gesinnung, geschäftliche Solidität, religiöser Ernst, positive Leistungen in Wissenschaft und Kunst sich den Juden im allgemeinen nicht absprechen lassen." Sie verwies sogar darauf, daß es andere, verderblichere Einflüsse gebe, die nicht von den Juden ausgehen und die zu bekämpfen eine dringende Pflicht sei. Aber nachdem sofort von der agrarischen und antisemitischen Presse diese Milderung der Anschauungen des konservativen Blattes unter heftigen Protesten als eine „Anbiederung an das Judentum" bezeichnet worden war, lenkte die „Kreuzzeitung"