Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 682 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316791-2316801--20806-2343874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Im deutschem sJicid). Korrespondenzen. Berlin, 22. September. Die Organe der antisemitischen Parteien haben, wie schon früher bei ähnlichem Anlaß, auch die letzte BerufsZähl u n g für ihre Zwecke auszubeuten gesucht, um nachzuweisen, was für ein gefährliches Element die zu den 60 Millionen Einwohnern Deutschlands gehörende halbe Million deutscher Juden darstellt. Nach den jetzt abgeschlossen vorliegenden Ergebnissen der Berufszählung vom 12. Juli 1007 soll nämlich seit der Zählung vom Jahre 1895 der Anteil der Christen an den sogenannten produktiven Gewerben von 80,3 0/0 auf 77,2 o/o zurückgegangen, der der Juden von 27,3 auf 30,2 o/o gestiegen sein, der Anteil an Handel und Verkehr zwar bei den Christen sich von 10,2 <y<> auf 11,5 % erhöht, bei den Juden von 56,1 bis zu 50,6o/o verringert haben. Das gewährt aber den Judenfeinden noch lange keine Befriedigung. In der von Theodor Fritsch herausgegebenen Halbmonatsschrift' „Hammer" wird darüber gesagt: „Diese kleine Freude wird zwar allerdings schon sehr getrübt durch die Zunahme der „berufslose n" Inden. (Christen 1895: 9,4 o/0, 1907: 11,3 o/0;' Juden 1895: 16,7 cg», 1907: 19,2 o/0.) Die scheinbar geringere Beteiligung der Juden am Handel hat sich nach der Zählung vorwiegend zugunsten der Klasse der Berufslosen vermindert, das heißt hauptsächlich zugunsten der reinen Kapitalisten, die sich lieber Rentiers als Börsen-Spekulanten usw. nennen. Diese Aenderung also bedeutet nur ein Kennzeichen wachsenden Reichtums." — Den Antisemiten genügt aber die amtliche Statistik über die Juden noch nicht, da für sie dieser Begriff nicht durch das Glaubensbekenntnis begrenzt ist und die Abstammung bei den amtlichen Aufstellungen nicht in Betracht kommt. Sie wollen sich deshalb selbst eine rassenmäßige Statistik schaffen, bei der uns auch jene der Juden zugezählt werden, die längst zum Christentum übergetreten sind. Dabei soll eine genaue Uebersicht gewonnen werden über die Stellung, welche die Juden und die christlichen Judensprößlinge in Deutschland im Lehrkörper der Hochschulen und höheren Schulen, in der Rechtspflege und in der Medizin, in der Kunst und Literatur, Presse, Theater, in der staatlichen und städtischen Verwaltung,