Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 661 (sequence 19)
- Language
- German
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Antisemitismus in der Sommerfrische. 661 5 Uhr hier einfindet —, es ist keine Zeit zu verlieren." Von dieser frühen Morgenstunde an bis Lief in die Nacht pflegte nämlich der treue Sekretär, welcher nun im Nebenzimmer weinte, mit seinem Meister zu arbeiten. Das über die Beziehungen Cavours zu den Juden Gesagte dürfte zur Genüge dartun, wie er von Jugend auf ihre völlige Gleichberechtigung als etwas Selbstverständliches angesehen und, zum Ministerpräsidenten erhoben, praktisch durchgeführt hat. Und wenn heutzutage in Italien Juden als Staatsbeamte oder Minister hohe Steilungen einnehmen, ohne daß dies bei den Einheimischen Aufsehen erregt, so mag man diesen edelsten Ausdruck der Gewissensfreiheit als Cavourschen Geist ansprechen, als eines der wertvollsten Vermächtnisse, welches der zu früh dahingerasftc große Staatsmann seiner Nation hinterlassen hat. $ Antisemitismus in der Sommerfrische. Plauderei von Dr. R. W o h l b e r g in Berlin. Was ich über diesen oft besprochenen und oft beklagten Gegenstand auszuführen mir ertauben möchte, betrifft Erfahrungen und Erlebnisse, die ich seit einer Reihe von Jahren an verschiedenen Plätzen gemacht habe. Ob sie Anspruch auf Gemeingültigkeit erheben dürfen, weiß ich nicht. Es wäre vielleicht lehrreich, wenn auch andere aus ihren Erfahrungen und Erlebnissen heraus über diesen Punkt sich äußern würden; auf diese Weise könnte man wohl zu einem einwandsfreien Resultat gelangen. Alljährlich veröffentlicht der Central-Berein in seinem Organ eine Liste der Orte, Hotels und Pensionen, die antisemitischen Charakter haben, d. h. alle diejenigen Stellen, die Juden grundsätzlich oder nur ungern aufnehmen, wo also der Jude der Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit ausgesetzt ist, wegen seiner Eigenschaft als Jude in Worten, Taten und Gebärden geringschätzig und beleidigend behandelt zu werden. Es soll immer noch Juden geben, die sich um den Charakter des Ortes, wo sie ihre Erholung suchen, nicht kümmern. Es dürfte sich in diesen Fällen öfters