Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1910)
- Article
- Graf Camillo Cavour und die Juden
- Date
- 1910-10-01
- Page
- 645 (sequence 3)
- Language
- German
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Graf Camillo Cavour und die Juden. 645 Bürgerrecht ausgeschlossen und nur mehr oder minder geduldete Untertanen waren. Bald darauf, am 3. September 1834, hatte Cavour, der, in Turin geboren, das ganze Elend des dortigen Ghettos genau kannte, mit mehreren der adligen Provinzialräte von Alba (in Piemont) an der Tafel des Provinzialpräsidenten eine sehr heftige Diskussion über die Ausnahmegesetze gegen die Juden; über den geringen Beifall, den er mit seinen Ideen von Freiheit und Toleranz bei seinen von Kastengeist beseelten Tischgenossen fand, tröstete er sich bald hinweg. Wie überhaupt für das schöne Geschlecht, scheint der galante Graf auch für Jüdinnen Interesse an den Tag gelegt zu haben. Hielt er es dDch der Mühe für wert, am 20. April 1836, während eines flüchtigen Aufenthalts in Triest, die Anmut und den Geist einer Dame aus der bekannten Familie Morpurgo in seinem Tagebuch besonders hervorzuheben, gar nicht zu reden von seiner Schwärmerei für die unsterbliche Schauspielerin Rachel, die er in den Jahren 1842—43 als Hermione in dem Drama „Andromaque" und in der „Phädra" bewunderte. Soviel man sieht, beobachtete Cavour auf seinen zahlreichen Reisen in England und Frankreich, auf denen er für alles ein offenes Auge hatte, auch die Lage der Juden. Wie wäre es anders' zu erklären, daß er sich am 25. Dezember 1837, gelegentlich! eines Uebernachtens in Besannen, die Aufzeichnung machte, der dortige Postmeister wäre Jude, ein Amt, das einem solchen in Italien damals nicht hätte zuteil werden können. Zu seinen unterrichtetsten und geistreichsten Reisebekanntschaften rechnete er die Juden; so hatte er am 1. Oktober 1834 im Postwagen nach Saluzzo ein lehrreiches Gespräch über das Verbot der Seidenausfuhr mit einem Bruder des damals sehr bekannten Rabbiners' Jakob Sinigaglia. Wohl der erste von Cavour an einen Juden gerichtete Brief, den wir besitzen, ist an das Haupt des damals renommierten Bankhauses Todros & Co. in Turin 'gerichtet, mit dem er schon 1843 in den höchsten Gesellschaftskreisen von Paris zusammengetroffen war. Er ist aus dem Jahre 1849 und spricht sich über eine nationalökonomische Schrift des Barons Leo Todros, des Sohnes des Bankchefs, betreffend Einrichtung sogenannter Cercles financiers, das heißt eines großen Kreditinstitutes, höchst anerkennend aus.