Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 16 (1910)
- Issue
- Heft 9 (September 1910)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1910-09-01
- Page
- 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316791-2316800--20676-2343723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
602 Im deutschen Reich. größte Mehrheit aus einer verhältnismäßig hohen Kulturstufe steht? Es ist die beständige Angst jener Edlen, daß die Vorrechte bestimmter Kasten mit der Bolkswohlfahrt und der Bürgerfreiheit auf die Dauer doch nicht vereinbar sind. Es ist die Ueberzeugung, daß in demselben Moment, in dem die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Juden zu einer Wahrheit würde, das gesamte Bürgertum sich auch darauf besinnen müßte, daß noch andere schöne Dinge, die man nad) der Niederlage von Jena und Auerstädt im Drange der Not dem Volke verheißen hat, heute noch nicht erreicht sind, und daß Fortschritte, die später im Völkerfrühling erzielt wurden, vielfach wieder rückgängig gemacht worden sind. Da wird denn wieder das alte Mittel der Einschüchterung der Regierung Zur Anwendung gebracht, das sich so wirksam erwiesen hat, als in den vierziger Jahren ein geistvoller .preußischer König modernen Anschauungen zuzuneigen schien. Was damals der Rundschauer der „Kreuz-Zeitung" v. Gerlach und die ihm dienstbaren anonymen Verfasser der reaktionären „Retkliff- Roman - Serien" mit der tendenziösen Warnung vor „Polen, Jude n u n d F r a n z o s e n" geleistet haben, das ist in jener Zeit von wahrhaften Vaterlandsfreunden als eine Tragödie betrachtet worden, deren Wiederholung unglaublich erschien, weil es den Junkern, die einst einem Hohenzollern das „Jochimken hüte Di" an die Kammertür schrieben, recht übel bekommen ist. . Trotzdem wagen es jetzt die antisemitisch verseuchten Rückschrittler das gefährliche Spiel zu wiederholen und das, was ihre Vorgänger dem Herrscher mit Kreide an die Tür schrieben, ihm in der ihnen zu Gebote stehenden Presse anzudrohen. So hat in der von dem antisemitischen Kandidaten für den sächsischen Wahlkreis Zschopau, Th. Fritsch, herausgegebenen Zeitschrift „Der Hammer" ein adeliger Mitarbeiter offen erklärt, daß der alte preußische Adel den Hof meiden müsse, um dort nicht mit Friedländer-Fuld und anderen Juden zusammenzutreffen. In der „Staatsbürger- Zeitung" wurden vor einigen Wochen unter der Ueberschrift „Nationale Sorgen" „Gedanken eines alten preußischen Offizier s" veröffentlicht, von denen die Redaktion behauptete, „die